Joseph Stiglitz: „Deutschland hat versagt“

10.10.2014 cleaulem
Die deutsche Wirtschaft ist nicht so stark, wie es immer dargestellt wird.

Die deutsche Wirtschaft ist nicht so stark, wie es immer dargestellt wird.

Im aktuellen Handelsblatt steht ein Interview mit dem US-Ökonomen Joseph Stiglitz. Darin bescheinigt er Deutschland ökonomische Schwäche, wo hierzulande immer Stärke gesehen wird. Um ehrlich zu sein tut es mir gut, dies auch mal von einem Fachmann zu hören. Denn ich habe mir schon lange das gedacht, was Stiglitz, der unter anderem 2001 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde, nun gesagt hat.

Zunächst einmal rechnet er mit Angela Merkels Wirtschaftspolitik ab:

„Ihr Konzept des Sparens ist gescheitert. Niedrige Löhne, niedrigere Gewinne und geschwächte Sozialsysteme – all das wurde im Namen der Euro-Rettung in Kauf genommen“, kritisiert Stiglitz im „Handelsblatt“. Europa habe ein „verlorenes Jahrzehnt“ hinter sich.

Die Sozialsysteme werden reduziert, es wird gespart, gespart, gespart. Noch nie ist eine kriselnde Volkswirtschaft durch Sparmaßnahmen wieder auf die Füße gekommen. Anfang der 1930er Jahre versuchte Reichskanzler Brüning durch eisernes Sparen die Wirtschaft im Deutschen Reich wieder in Schwung zu bekommen. Erreicht hat er das Gegenteil und so den Weg für die Hitler-Diktatur noch ein wenig mehr geebnet. Die Rechnung ist doch ganz einfach: Es gibt eine Krise, die Nachfrage sinkt und die Leute haben kein Geld, um sich Sachen zu kaufen und die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Nun spart der Staat noch überall Kosten ein, es kommt weniger Geld bei den Leuten an, sie haben sogar höhere Ausgaben, und die Konjunktur wird weiter verschlechtert. Ich bin kein Fachmann, aber so scheint das mir logisch zu sein. Warum sehen die Politiker nicht, wie unsinnig das Totsparen ist und wie unwirksam?

Stiglitz fordert eine konsequente Bankenunion. Der Euro wird als unabdingbar für Europa gesehen, aber jedes Land werkelt für sich daran rum? Und wenn einer mal aus dem Rahmen fällt, ist er gleich den anderen schutzlos ausgeliefert? Das ist ziemlich inkonsequent gedacht. Es geht Stiglitz nicht um die Kontrolle einzelner Länder über andere, sondern alle sollen an einem Strang ziehen. Das klingt doch nach der Idee, auf die eine Gemeinschaftswährung aufbauen sollte. Warum wurde das nicht gemacht? Wahrscheinlich weil sich die großen nicht in ihre Politik einmischen lassen wollten. Kleinstaaterei in der Gemeinschaft. Schön inkonsequent. Und am Ende meckern die Großen, dass sie alles bezahlen müssen.

Weiter spricht Stiglitz von einer „Überschätzung“ der deutschen Wirtschaft. Das deutsche Wirtschaftswachstum betrug in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich 0,63 Prozent. Das ist sehr wenig.

„Unter normalen Umständen würde man eine solche Rate als Versagen bezeichnen. Deutschland sieht nur deshalb so stark aus, weil die andere Staaten Europas so schlecht aussehen“, bilanziert Stiglitz.

Mwahaha! Deutschland als „Wachstumsmotor Europas“! Von wegen. Wir sind nur diejenigen, die am wenigsten bei der ganzen Sache verloren haben. Aber ist denn mehr Wachstum überhaupt wünschenswert. Viel ist da meiner Meinung nach eh nicht mehr rauszuholen. Die deutsche Wirtschaft ist weitestgehend ausgereizt. Wachstum ist nur unter großen Anstrengungen überhaupt noch zu erreichen. Und dieses Wachstum landet sowieso nicht mehr bei denen, die es erwirtschaften, den Arbeitern. Es landet bei den Unternehmensleitungen, die sich daraus ein schönes Leben machen. Die Durchschnittslöhne in Deutschland steigen seit Jahren nicht mehr. Also Wachstum: So what? Ich habe mich schon an anderer Stelle darüber ausgelassen, also genug davon.

Nun ist Deutschland Exportweltmeister. Aber kann man wirklich stolz darauf sein? Stiglitz meint nicht:

Stiglitz wundert sich, dass die Deutschen darauf stolz sind: Das zeige nämlich erstens die Schwäche des deutschen Binnenmarkts, zweitens könne Deutschland in dieser Hinsicht nicht Vorbild sein. „Schon per Definition kann nicht jedes Land Überschüsse haben“, betont Stiglitz.

Aha, in Deutschland können sich die Leute das Zeug, das hier produziert wird, nicht mehr leisten!? Also wird es ins Ausland geschafft, weil da ein Paar Leutchens noch das nötige Kleingeld dafür haben. Außerdem ist es schwer vorstellbar, dass alle Länder wie Deutschland einen Exportüberschuss haben. Ein Exportüberschuss in einem Land bedeutet also ein Exportdefizit in einem anderen Land. Wo sollte das Zeug denn sonst hin? Ins Meer gekippt?

Deutschland ist nicht so stark, wie es gerne dargestellt wird. Tatsächlich lebt die deutsche Wirtschaft von ihrer Substanz. Und die hohen Leistungen kommen auch zu einem Großteil von den 80 Millionen Bürgern zustande, die in diesem Land leben. Das ist schon mal ein großer Batzen an Produktivitätseinheiten, wenn man das mal so zynisch ausdrücken will. Da ist klar, dass Deutschland die größte europäische Volkswirtschaft sein MUSS. Aber für wie lange noch?

Kategorie: Allgemein
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