Amou Haji

20.10.2014 cleaulem

Amou Haji wird er von den Leuten genannt. Er hat kein Haus, er schläft meistens unter freiem Himmel. Er ernährt sich von Tierkadavern, die er brät. Und immer wieder wird betont, dass er sich seit 60 Jahren nicht mehr gewaschen habe. Ja, dieser Mensch wird quasi als Freak dargestellt. 60 Jahre nicht gewaschen? Dann ist er ja der dreckigste Mann der Welt.

Er ist der absolute Eremit. Er lebt seit 60 Jahren in seiner Einsamkeit. Gesellschaft mag er nicht, viel lieber möchte er in Ruhe gelassen werden. Doch wie kommt jemand dazu, sich von der Gesellschaft abzuwenden?

Wie die Tageszeitung Tehran Times berichtet, musste Amou in seiner Jugend viele Nackenschläge einstecken. Die Welt war nicht gut zu ihm – also entschloss er sich zu einem Leben in Isolation.

Er hat viel schlechtes als junger Mensch erlebt und sich deshalb von der Gesellschaft abgewandt, der er dieses schlechte zu verdanken hatte. Doch, wird man sich fragen, wie kann jemand in so einem Elend leben? Wir können uns das in unserer modernen Zivilisation mit all ihren Annehmlichkeiten gar nicht vorstellen.

Doch auch wenn die Geschichte um den Iraner Außenstehende erst mal die Nase rümpfen lässt: Amou Haji ist glücklich – auch wenn er nichts besitzt. Angst, ausgeraubt zu werden, kennt er nicht – was soll ihm auch gestohlen werden? Und auch wenn er keine Habseligkeiten besitzt und seine fünf Liter Wasser am Tag aus einem alten, rostigen Öl-Kanister trinkt: Sein Dach ist das Himmelszelt, sein „Vorgarten“ küsst den Horizont.

Besser kann man es doch gar nicht beschreiben. Dieser Mann führt ein Leben, das einfacher nicht sein kann. Er ist frei, er ist niemandem verpflichtet. Er hat seine Ruhe. Dieser Mann hat seinen Frieden mit der Welt geschlossen, und er braucht nichts anderes als sich selbst, um glücklich zu sein.

In unserer Gesellschaft wird einem täglich suggeriert, man bräuchte Konsum und Wohlstand, um glücklich sein zu können. Man sieht täglich all die Menschen, die durch die Läden streifen, nur um Dinge zu kaufen, die sie eigentlich nicht brauchen. Sie tun dies, weil sie sich mit diesen Dingen glücklich machen wollen.

Doch wenn man in ihre Gesichter schaut, sieht man, dass sie eben nicht glücklich sind. Man sieht ihre Unzufriedenheit mit ihrem Dasein, das sie durch noch mehr Konsum zu kompensieren versuchen. Und wenn sie mal nicht das Objekt ihres Begehrs finden können, bricht der Frust aus, dann werden sie sehr ungemütlich.

Auch wenn es durch die Werbung immer wieder behauptet wird, Konsum macht nicht glücklich. Auch die Politik starrt immer auf die Statistiken zum Binnenmarkt. Und wenn der Einzelhandel mal wieder ein Plus verzeichnet, tut man so, als wäre ein großes Unglück abgewendet worden.

Die Leute haben verlernt, ohne Konsum glücklich zu sein. Stattdessen sind die Menschen in diesem Land unglücklich und missgünstig.

Amou Haji hatte den Mut auszusteigen, seinen ganz eigenen Weg zu gehen. Dafür hat er alle Bewunderung verdient. Ich wünschte, ich hätte diesen Mut auch. Ich kaufe mir auch gerne Dinge, die mich glücklich machen, die ich gerne haben möchte. Doch ich will nicht um des Konsumierens willen konsumieren. Ich möchte Dinge haben, die für mich einen bestimmten Zweck erfüllen, die mich wirklich zufrieden machen. Doch auch ich denke manchmal, dass es doch eigentlich viel schöner wäre, wenn man nicht so viel hätte, wenn das Leben einfacher wäre, man über die wirklich wichtigen Dinge nachdenken könnte.

Kategorie: Allgemein
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