Das unerschlossene #Neuland

23.10.2014 cleaulem

Jaja, Angela Merkel hält beim IT-Gipfel eine Rede und leistet sich einen Versprecher und sucht verzweifelt nach dem Wort Festnetz. Und alle lachen und leisten Beifall, als sie endlich das Wort findet. Wären wir in einer besseren Welt, hätte man sie für diesen Faux-pas mit Tomaten beschmissen.

Janko Tietz hat es eigentlich schon auf den Punkt gebracht, aber ich möchte auch meinen Senf dazu abgeben. Dieser klein wirkende Versprecher wird Angela Merkel als menschlich angerechnet, als sympathisch. Doch in dem Zusammenhang ist er sehr entlarvend, was Merkels Engagement für das Internet angeht. Er zeigt ihre vollkommene Ignoranz für dieses Thema.

Sie bezeichnete Internet als „Neuland“. Ja, das mag für sie zutreffen. Aber ich zum Beispiel bin mit dem Aufkommen des Internets aufgewachsen. Ich kenne noch die Zeiten, wo man nicht alles online erledigen oder Waren im Netz bestellen konnte. Ich habe die schmutzige Anfangszeit miterlebt mit den 256k-Netzen, den grässlichen Websites ohne nennenswerte Funktionalität und den Massen an Pop-ups. Man würde mich heute einen „Digital native“ nennen, auch wenn ich es anders kennengelernt habe. Das Internet ist für mich also alles andere als Neuland, und diese Bezeichnung zeigt auf, wie sehr Angela Merkel „meine“ Kanzlerin ist, nämlich gar nicht.

Deutschland ist in Sachen Internet ein richtiges Entwicklungsland. Ich spüre das am eigenen Leib. Ich wohne auf einem Dorf im Mittelgebirge. Und das dortige Netz ist sehr bescheiden. Meine Freundin wohnt in einer Großstadt, wo das Netz besser ist, aber es könnte durchaus besser sein. Und wenn ich lese, wie die Situation in anderen Ländern ist, fällt mir erstmal die Kinnlade runter:

Doch außerhalb großer Städte verfügen kümmerliche acht Prozent der Menschen über einen schnellen Internet-Anschluss. Deutschland rangiert bei der Versorgung mit Glasfaseranschlüssen auf einem der letzten Plätze in Europa, hinter Ländern wie Litauen, Bulgarien, der Türkei und Rumänien.

Dabei zeigen ausgerechnet frühere Ostblockstaaten, wie es richtig geht. In der Slowakei beträgt der Anteil an Glasfaserkabel am Breitbandnetz mehr als 30 Prozent (Deutschland: 0,75 Prozent). In Estland liegt die Glasfaser-Rate ebenfalls jenseits der 30 Prozent. Alle Ministervorlagen, Notizen und Akten der estnischen Regierung sind mittlerweile elektronisiert, das Land verfügt über den ersten papierlosen Kabinettstisch Europas.

Deutschland verliert den Anschluss. Vor allem in ländlichen Gebieten haben Firmen oft Mühe, größere Datenmengen zu verschicken und zu empfangen. Und warum? Weil die Telekom nicht in schnellere Leitungen investieren will. Zu dünn besiedelt, lohnt sich nicht. Und DAS ist freier Markt (ein andermal mehr dazu).

Was ich an der Sache nicht begreife ist, dass die Wirtschaft hier nicht mit immenser Lobbyarbeit interveniert und sich dafür einsetzt, dass die Verhältnisse besser werden. Es wäre doch auch in ihrem Interesse. Ansonsten unken die Lobbyverbände doch bei jeder Unpässlichkeit, der sich ihre Vertreter ausgesetzt sehen (Mindestlohn, Umsatzsteuern u.a.). Achso, die großen Firmen haben ja schon ihre schnellen Leitungen, und die kleinen Mittelständler in den Käffern haben halt nicht die Superlobby. Dabei heißt es doch immer, dass die es sind, die für die deutsche Wirtschaft so wichtig sind.

Ich sehe hier mal wieder den von mir erwähnten Ausspruch von Joseph Stiglitz bestätigt, dass Deutschland von seiner Substanz lebt. In der heutigen Zeit ist die Digitalisierung von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Es ist der am schnellsten wachsende Wirtschaftsbereich der Welt. Und Deutschland interessiert das nicht. Wir sind ja eine riesige Volkswirtschaft, wir sind Exportweltmeister. Wir sind doch die tollsten, was interessiert uns das?

Im Moment mag das alles noch gut gehen, aber wenn irgendwann mal Deutschland seine Güter nicht mehr losbekommt, weil die Kapazitäten dafür fehlen (keine Fachkräfte mehr vorhanden, keine Rohstoffe mehr vorhanden), dann wird es ganz schnell bergab gehen. Und dann fehlt uns die Infrastruktur für das Netz, wir sind dann quasi über Nacht ein Entwicklungsland.

Estland hat es richtig gemacht. Dieses Land hat quasi flächendeckendes DSL, und das für alle Bürger kostenlos. Auch die gesamte Verwaltung findet online statt. Die Menschen dort haben überhaupt ein viel entspannteres Verhältnis zu Datenschutz. Denn die Regierung nimmt die Bürger dort ernst, und die Bürger können immer sehen, wer wann auf ihre Daten zugreift. Bei uns ist das immer sehr diffus und undurchsichtig.

Estland musste dies tun, um sich behaupten zu können. Es ist ein kleines klein mit kleiner Bevölkerung. Und es grenzt an Russland, das eine stete Bedrohung darstellt. Also haben sie in flächendeckendes Netz investiert, um trotzdem wettbewerbsfähig zu sein, und es funktioniert. Von estnischen Verhältnissen ist Deutschland in Sachen Netzausbau noch Lichtjahre entfernt.

Es ist auch zu einem guten Stück die Arroganz der Menschen, die verhindert, dass sich daran so bald was ändern wird. Wenn man sich nur diesen Kommentar zum Spiegel Online Artikel anschaut:

Alle vier Jahre darf der Wähler wählen gehen. Er wählt immer nur die selben Schafe und wundert sich, warum nichts passiert. Das Problem ist für den Privatmann scheinbar nicht so schlimm, wie die Netzaktivisten immer behaupten (Bei Firmen sieht die Sache anders aus!). Ich lebe in einer deutschen Großstadt mit – rein zahlenmäßig betrachtet – mickriger Internetleitung. Trotzdem kann ich ruckelfrei Streamen und Downloaden. Schnelleres Internet würde mir nur bei großen Datenmengen auffallen und ich denke, der 08/15-Konsument ist prinzipiell ausreichend bedient.

Hier erreicht die Dummheit und Ignoranz dialektische Züge. Der Grad der Doofheit nimmt im Laufe des Kommentars immer mehr zu. Zuerst sind alle Leute dumm, die diese Schafe wählen. Dann liegt das Problem darin, dass der Privatmensch das Prolem nicht sieht. Er selbst lebt in einer Stadt mit mickriger Leitung, kann trotzdem Streamen und downloaden und ist damit zufrieden, was also bedeutet, dass der normale Konsument damit genug Internet hat.

Also ist dieser schlaue Mensch mal wieder das Maß aller Dinge, der Durchschnitt. Wenn er seine Sachen im Netz „zufriedenstellend“ machen kann (es geht da immer besser), dann muss sich ja nichts ändern. Ich kann mit der Leitung meiner Freundin auch Videos in HD-Qualität gucken und flott Sachen runterladen. Doch wenn ich mal in einem anderen Haushalt mit schnellerer Leitung bin, sehe ich, dass es auch sehr viel besser geht. Und dann komme ich mir tatsächlich vor wie ein Neandertaler. Doch solange solche Leute die Mehrheit bilden und immer brav die Muttipartei und die sogenannten Sozialdemokraten wählen, bleibt alles beim Alten.

Kategorie: Allgemein
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