Kausalität

29.10.2014 cleaulem

Unter der Überschrift „Wo man Juden hasst, da hasst man auch Aktien“ stellt die Welt eine Studie vor, nach der in Gegenden in Deutschland, in denen die Judenverfolgungen früher stärker waren als gewöhnlich, noch heute ein stärkeres Misstrauen gegenüber den Finanzmärkten herrsche. Aus dem Artikel:

Deutsche Haushalte in Gegenden, wo die Judenverfolgung noch stärker war als allgemein üblich, sind noch heute misstrauischer gegen den Finanzmarkt, als es die Deutschen ohnehin sind. Genauer: In Landkreisen, wo die Judenverfolgung unter den Nazis besonders intensiv war, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Haushalt Aktien besitzt, 7,5 Prozent niedriger als im Rest Deutschlands. In Kreisen, wo es zu Zeiten des Schwarzen Todes, also vor mehr als sechs Jahrhunderten, zu Pogromen kam, liegt die Wahrscheinlichkeit von Aktienbesitz sogar um 12 Prozent niedriger.

Interessante Feststellungen. Vor allem geht es aber auch sehr interessant weiter:

Bis heute also wirkt sich die frühere Judenverfolgung negativ auf das Vertrauen in die Finanzmärkte aus, auch bei Menschen, die nicht antisemitisch sind.

Soll also bedeuten, dass Vorbehalte gegen die Finanzmärkte eine Folge gesellschaftlich indizierten Antisemitismus sind? Also quasi ein Ersatz für Antisemitismus, der ja nicht mehr gesellschaftsfähig sind? Der Artikel sagt genau dies:

Seit der Niederlage Nazideutschlands habe man auch institutionell – in Schulen, Medien und Kirchen, durch Gedenktage und dergleichen – den Antisemitismus bekämpft, sodass er heute als nicht mehr gesellschaftsfähig erachtet wird. Anders das ursprünglich mit dem Antisemitismus verknüpfte Misstrauen gegen Finanzgeschäfte. „Die deutschen Lehrpläne behandeln die Frage des Antisemitismus …, aber nicht die Frage der Vorteile der Beteiligung am Aktienmarkt“, schreiben D’Acunto und seine Mitverfasser.

Wow, das ist wahrlich harter Tobak. Hätten denn „Vorbehalte gegen die Aktienmärkte“ bekämpft gehört für eine effiziente Entnazifizierung? Die Verfasser der Studie ziehen interessante Schlüsse:

Deshalb sei „das Vorurteil gegen die Finanzwirtschaft nicht im selben Maß zurückgegangen wie der Antisemitismus. Die frühere Judenverfolgung ist ein Indikator des Misstrauens gegen Finanz- und Aktiengeschäfte, und zwar unabhängig vom Bildungsgrad, sodass unsere Befunde weder durch eine allgemeine Rückschrittlichkeit noch durch einen heutigen Antisemitismus zu erklären sind.“ Es gebe eine „kulturelle Norm des Misstrauens gegen die Finanzwirtschaft“, die seit dem Mittelalter über Generationen vermittelt worden sei, „unabhängig vom Antisemitismus“.

Hier widerspricht sich meiner Meinung nach der Text. Einerseits sei die frühere Judenverfolgung ein Indikator des Misstrauens gegen Finanz- und Aktiengeschäfte, andererseits sei es nicht mit allgemeiner Rückschrittschlichkeit und Antisemitismus zu erklären. Es gibt einen Zusammenhang und doch keinen?

Vor allem geht der Verfasser des Artikels sogar noch weiter als die Verfasser der Studie indem er unterstellt, dass die Befragten mit ihrer antisemitischen Gesinnung eventuell hinter dem Berg hielten. Und es geht weiter:

Während es also möglich ist, dass sich das Misstrauen gegen die Finanzwirtschaft vom Misstrauen gegen die Juden gelöst hat, ist es zumindest auch möglich, dass der Antisemitismus bloß seine Gestalt geändert hat und sich nun in der sozial akzeptablen Form des Misstrauens gegen „Goldman Sachs und Co.“ äußert.

Aha, Misstrauen gegen die Finanzmärkte also als mainstreamkonformer Antisemitismus. Hier komme ich zu der Überschrift zurück, denn hier werden Kausalitäten geschaffen, die es so nicht unbedingt gibt.

Natürlich ist es unbestritten, dass Juden früher durch ihre Außenseiterrolle in der Gesellschaft in Geldberufe gedrängt wurden und dass sie eine führende Rolle in der Finanzwelt spielten. Aber heute daraus den Schluss zu ziehen, dass jemand, der Misstrauen gegenüber den Finanzmärkten und ihren Aktivitäten empfindet, in Wahrheit ein verkappter Judenhasser ist, ist schon sehr weit hergeholt.

In der Finanzkrise haben die Banken und Investmentfirmen durch ihre unbändige Gier ihre selbst aufgeblasene Kapitalblase zum Zerplatzen gebracht und damit mehr Geld vernichtet, als es sich ein vernünftiger Mensch nur vorstellen kann. Die Finanzwelt musste für viele Steuermilliarden gerettet werden, nur damit sie genauso weitermachen können wie vorher. Dass man da ein gewisses Misstrauen gegenüber der Finanzwelt entwickelt, ist da nur logisch.

Auch ich hege ein solches Misstrauen gegen den Finanzsektor. Doch ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass er NICHT antisemitisch motiviert ist. Ich würde behaupten, dass ich der letzte Mensch bin, den man als antisemitisch bezeichnen kann. Ich habe mich intensiv mit der jüdischen Kultur (bewundernd, aber auch kritisch) auseinandergesetzt. Ich habe sogar mal in einem Sprachkurs ein wenig Jiddisch gelernt und beherrsche diese Sprache zumindest ein bisschen. Ich verachte sogar Menschen, die vorurteilsbeladen Vorbehalte gegen Juden äußern, nur weil sie jüdisch sind. Für mich schließt das aber keine Kritik an Menschen jüdischen Glaubens aus, wenn diese Dinge tun, die mir missfallen.

Mein Misstrauen gegenüber den Finanzmärkten ist durch meine politische Einstellung und durch meine Erfahrung geprägt. In meinem Kopf spukt nicht das Bild des dicken jüdischen Bankiers mit Hakennase und dicker Zigarre im Maul. Ich glaube nicht, dass Juden Brunnen vergiften oder christliche Kinder opfern. Ich sehe in der Finanzwelt eher die weißen Männer (egal ob christlich, jüdisch oder sonst was) im Anzug, die die Gier zu ihrer Religion erhoben haben. Diese Menschen glauben nicht an den Gott Israels, das Geld ist ihr Gott.

Dieser Artikel ist eine Schmähschrift, der Kritiker der Finanzmärkte in die Nähe des Antisemitismus rücken soll. Er dreht die Argumentation komplett um und schafft Kausalitäten, die so nicht stimmen. Natürlich gibt es die rechtsextremen Antisemiten, die in der Finanzwelt das Weltjudentum am Werk sehen, um die arische Rasse zu versklaven. Aber die sind nicht mit jenen gleichzusetzen, die aus sozialem Engagement heraus die Machenschaften der Finanzbranche anprangern. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe, wobei das eine Paar sehr miefig stinkt.

Nicht jeder Kritiker der Finanzmärkte ist gleich antisemitisch, auch wenn dieser Text das suggeriert. Aber was will man von der Springerpresse sonst erwarten? Hier sollen durch einen tendenziösen Artikel bestimmte Meinungen durchgedrückt werden. Unparteiischer Journalismus sieht anders aus.

Kategorie: Allgemein
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