Rohkost!?

02.03.2015 cleaulem

rohkost

Heute morgen bin ich über einen Artikel bei Spiegel-Online gestolpert. Es geht um eine Familie, die sich ausschließlich von Rohkost ernährt. Das sieht dann folgendermaßen aus:

Familie Ludwig ernährt sich von roher Kost – das heißt: Kein Lebensmittel wird über 42 Grad erhitzt.

Auf den Tisch kommen Obst und Gemüse, Sprossen, Keime, Kräuter, Nüsse und Saaten.

Mal ehrlich, kann das gesund sein? Man kann sagen, dass dies die Steigerungsform von Veganismus ist. Und davon halte ich ehrlich gesagt nicht viel. Aber es geht ja noch besser:

„Rohkost wird von den meisten Menschen total unterschätzt“, glaubt Sonja Reifenhäuser, Food-Coach aus Berlin.

Oh ja, ein Food-Coach aus Berlin, wahrscheinlich mit Residenz am Prenzlauer Berg, wo die gentrifizierte Bevölkerung ihr Pseudoökoleben lebt mit allerlei Veganismen. Und sofort werden die Klischees bedient, denn im selben Absatz heißt es:

In den Großstädten, in Szene-Cafés und veganen Supermärkten wächst die Nachfrage nach grünen Smoothies, rohen Torten mit Cashewnussboden und Avocadofüllung oder Energie-Riegeln aus Kakao und Datteln.

Was habe ich gesagt? Aber das nur am Rande. Es geht mir hier vor allem um die Frage, inwiefern Rohkost wirklich die „natürlichere“ oder „gesündere“ Ernährung ist. Vor allem wenn es um die Ernährung von Kindern geht, die ja im Wachstum sind und wo man wirklich darauf achten muss, was sie zu essen bekommen, damit sie keinen Mangel entwickeln.

Da erklärt die rohkostverzehrende Familie Ludwig in dem Artikel, dass sie sich keine Sorgen darüber machten, dass ihre zweijährige Tochter nicht genügend Nährstoffe zu sich nimmt. Und diese Aussage ist doch mit Skepsis zu betrachten. In demselben Absatz heißt es:

„Gerade eine roh-vegane Ernährung ist nicht ungefährlich.“ Durch den Verzicht auf Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte drohe ein Mangel an Vitamin B12 mit der Gefahr von neurologischen Schäden.

Schließlich muss sich die Familie doch eingestehen, dass ihr Ernährungskonzept doch nicht so das Gelbe vom Ei (ich weiß, der ist flach^^) ist:

„Wir nehmen B12 als Nahrungsergänzungsmittel“, sagt die Mutter.

Na super, und wo kommt das B12 her? Wird das aus Weizenkeimen gewonnen oder was? Vitamin B12 kommt nur in tierischen Erzeugnissen vor, und dieses Vitamin muss der Mensch mit der Nahrung aufnehmen. Also ist es im Grunde auch nur Etikettenschwindel mit der veganen Ernährung.

Und Rohkost ist in meinen Augen auch großer Blödsinn. Seit ungefähr einer Million Jahren beherrschen wir das Feuer, und der Mensch ist gegarte Nahrung gewohnt. Ich empfehle zu diesem Thema dieses Interview mit dem Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer. Darin heißt es unter anderem:

Die Keule hängen wir in den Kamin, damit sie noch mürber wird. Dann schieben wir sie in den Ofen. Und weil das immer noch nicht reicht, schneiden wir den Braten in Scheiben. Und dann sitzen wir alle mit Messerchen und Gäbelchen da und machen kleine Häppchen. Sie sehen also, wir sind angepasst an zubereitete Nahrung. Wir haben keine Schnauze mehr, wir haben ein harmloses, kleines Gebiss, das angewiesen ist auf gekochte, leicht zu kauende Nahrung.

Rohkost ist keine gekochte, leicht zu kauende Nahrung. Nur weil etwas püriert ist, bedeutet es nicht, es sei leicht verdaulich. Doch Herr Polmer weiß noch mehr zu Rohkost:

Der Mensch hat einen vergleichsweise langen Dünndarm. Der Dünndarm ist zuständig für die schnelle Resorption leichtverdaulicher Kost. Was lesen Sie daraus? Wir sehen, der Mensch ist designt, grosse Mengen an leichtverdaulichem schnell aufzunehmen, damit er an seine Kalorien kommt.

Und:

Der Dickdarm ist zuständig für den Aufschluss der Ballaststoffe. Der Mensch hat ganz wenig Dickdarm im Vergleich zum Affen. […] Wir sind angepasst an Rösti, an Knödel und an Wurst. Wir sind aber nicht angepasst an grosse Salatteller. Etwas Rohkost können Sie essen, keine Frage. Menschenaffen können jede Menge Rohkost futtern, die haben einen langen, aufwendigen Dickdarm, da schliessen sie ihre Nahrung auf. Ihnen fehlt der Herd.

Das bedeutet, dass Rohkost nicht die natürliche Hauptnahrung des Menschen ist, da sein Verdauungstrakt nicht an diese Art von Nahrung angepasst ist. Wir sind evolutionär an zubereitete und gegarte Nahrung angepasst.

Der Verdauungstrakt des Menschen ist um vierzig Prozent kleiner als der eines gleich grossen Menschenaffen. Diese vierzig Prozent haben wir nach aussen verlegt: in die Küche. Die Küche ist das biologische Merkmal des Menschen. Das Feuer, die Fähigkeit zu kochen, ist die Basis der Menschwerdung – und nicht das Kalorienzählen.

Udo Pollmer sagt noch viel mehr über Rohkost und vegane Ernährung, das mit den Mythen, die bei sogenannten Experten kursieren, aufräumt. Ich finde seine Argumente doch sehr stichhaltig.

Doch zurück zum Spiegel-Artikel. Dort sagen die Eltern Ludwig:

„Sie darf auch heute schon andere Dinge essen, zum Beispiel wenn sie bei Oma und Opa oder bei Freunden ist.“

Ein Schelm der böses dabei denkt. Vielleicht ist gerade das bei den Großeltern konsumierte böse zubereitete Essen, das das Kind letztendlich am Leben hält. 😉 Interessant finde ich auf jeden Fall, dass diese Leute zubereitetes Essen mit Fertigfraß aus der Packung gleichsetzen.

Ich denke, die Ausgewogenheit macht es aus. Fleisch in Maßen ist auf jeden Fall gesund. Man muss sich nicht täglich einen Braten reinziehen. Es kommt auch darauf an, wo man das Fleisch kauft. Ich kaufe mein Fleisch häufig beim Metzger. Es ist etwas teurer als im Supermarkt, aber die Qualität ist auch sehr viel besser. Und ich esse automatisch weniger Fleisch, da ich mehr auf den Geldbeutel achte. Das Fleisch aus dem Supermarkt, vor allem das ganz billige, ist häufig der letzte Dreck.

Viel Gemüse ist auch empfehlenswert. Dann aber nur gekocht, dann kommt der Körper auch an die Nährstoffe ran. Für Vitamine gibt es Obst. Eine schön reife Mango ist eine wahre Vitaminbombe, und superlecker.

Eine gesunde ausgewogene Ernährung ist nicht gleich vegan oder Rohkost. Auf die Menge und auf die Vielfalt kommt es an. Von allem ein wenig ist gut, von einigem gar nichts ist nicht so gut. Klingt in meinen Ohren logisch.

Kategorie: Ernährung
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Ein Kommentar»»

  1. Sehr interessanter Beitrag zum Thema Rohkost 🙂

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