Was weiß ich über die Sonnenfinsternis?

20.03.2015 cleaulem

eklipse

Wie vielleicht schon so ziemlich alle mitbekommen haben, ereignete sich heute Vormittag eine partielle Sonnenfinsternis. Ich hatte das Glück, diese beobachten zu dürfen. Ich hatte gerade Zeit, das Wetter passte (wolkenloser Himmel mit sehr leichtem Dunst) und ich hatte von der totalen Eklipse von 1999 eine Schutzbrille, die noch hervorragend funktioniert.

Nun wurde dieses Ereignis in so ziemlich allen Medien sehr ausführlich kommuniziert. Und so konnte es auch Spiegel Online nicht sein lassen, eine Zusammenstellung von „Wussten Sie schon, dass…?“-Fakten zum Thema Sonnenfinsternisse zu publizieren. Ich will mir diese Fakten mal näher betrachten und mal schauen, welchen WOW-Faktor sie tatsächlich haben. Also legen wir mal los:

Der kanadische Astronom John William Campbell war fast sein gesamtes Leben auf der Jagd nach Sonnenfinsternissen. In 50 Jahren hatte er zwölfmal Gelegenheit, eine Sonnenfinsternis zu erleben. Doch egal wohin der Professor der University of Alberta auch reiste, er bekam jedes Mal nur einen bewölkten Himmel zu sehen.

Ich muss ja zugeben, dieser Fakt ist schon tatsächlich in der Gegend von faszinierend. Schon ein guter Anfang. Mal sehen, ob diese Form gewahrt werden kann.

Zweiter Fakt ist, dass der Mondschatten eine Geschwindigkeit von 3300 km/h erreicht. Ist ja ganz nett zu wissen, aber auch ziemlich offensichtlich, wenn man mal drüber nachdenkt. Die genaue Zahl ist neu, aber dass der Mondschatten schon recht flott unterwegs sein muss, kann man sich schon denken.

Der dritte Fakt ist dann schon wirklich ein ziemlich alter Hut. Dass 1919 bei einer Eklipse Einsteins Relativitätstheorie bewiesen wurde, ist jedem Fan von Trivia hinreichend bekannt. 😉 Die Geschichte kursierte schon ’99 bei der totalen Finsternis.

Falsch lag dagegen der Pariser Modedesigner Paco Rabanne, der für die Sonnenfinsternis 1999 den Absturz der russischen Raumstation Mir prophezeite. Der Absturz passierte allerdings erst zwei Jahre später, im Jahr 2001 – planmäßig und kontrolliert ins Meer.

Häh, das ist ein schräger Fakt. Zählt der als informativ? Soll er das überhaupt sein. Naja, schauen wir weiter.

Okay, dass eine Sonnenfinsternis nur bei Neumond möglich ist, sollte man sich denken können. Dass der Mond 400-mal kleiner ist als die Sonne, diese aber 400-mal weiter von der Erde entfernt ist als der Mond, beide Himmelskörper von der Erde aus also gleich groß wirken, kann man wissen, wenn man Augen im Kopf hat. 😉 Nett, dass es erwähnt wird.

Was aber nicht erwähnt wird (und das wäre wirklich was für eine Zusammenstellung kurioser Fakten über Eklipsen gewesen) ist, dass diese Konstellation nicht für die Ewigkeit ist. Der Mond entfernt sich durch die Fliehkraft immer weiter von der Erde. Vor Millionen von Jahren wirkte der Mond sehr viel größer als heute, weil er sehr viel näher an der Erde war. Heute wirkt er genauso groß wie die Sonne. Doch in einigen Millionen Jahren wird er kleiner wirken als die Sonne, so dass es keine totalen Eklipsen mehr geben wird. Heute gibt es schon den Fall ringförmiger Eklipsen, bei denen der Mond so weit von der Erde entfernt ist, dass er sie nicht vollständig bedeckt. In ferner Zukunft wird dies der Normalfall sein.

Es dauert im Schnitt etwa 375 Jahre, bis über einem bestimmten Ort wieder eine totale Sonnenfinsternis zu sehen ist. Am Nord- oder Südpol dagegen kann man ewig warten, dort gibt es nur partielle Sonnenfinsternisse.

Nette Information, haut mich aber nicht wirklich vom Hocker.

Auf der sonnenabgewandten Seite der Erde ist bei Sonnenfinsternissen eine mondlose Nacht.

Ja, das haben Nächte an Neumond (was bereits erwähnt wurde) so an sich. Mal ganz ehrlich, das wollen die einem als Fakt, als Information verkaufen? Wenn man sich das nicht denken kann, dann ist einem wirklich nicht mehr zu helfen. Tut mir leid, aber das tut wirklich weh. Ich meine, wo soll denn der Mond nachts herkommen, wenn er vor der Sonne ist? Hallo?

Sonnenfinsternisse passieren immer zwei Wochen vor oder nach einer Mondfinsternis. Am 4. April gibt es eine Mondfinsternis. Sie ist in Teilen von Nord- und Süd-Amerika sowie Asien und Australien zu sehen.

Okay, ich muss zugeben, dass ich das so auch noch nicht wusste. Ganz nett. Gibt einen Pluspunkt, der aber sofort wieder abgezogen wird, da dieser Punkt abgeändert wurde. Denn vorher wollte Spiegel Online erzählen, dass Sonnen- und Mondfinsternis zur selben Zeit stattfinden. Epic Fail.

Nie sind sich Erde und Mond näher als am Abend vor einer totalen Sonnenfinsternis: 363.104 Kilometer. Das sogenannte Perigäum beschert uns die größte Vollmondscheibe des Jahres. Der Mond erscheint dann 14 Prozent größer und ein Drittel heller als normal.

Entschuldigung, aber dieser Absatz ist wieder missverständlich geschrieben. Es ist wohl nicht so gemeint, aber es liest sich so, als wäre der Vollmond am Abend vor der Sonnenfinsternis, was nicht sein kann, weil Voll- und Neumond immer zwei Wochen auseinander liegen. Liest irgendjemand diese Artikel nochmal korrektur?

Läge die Bahn des Mondes exakt in derselben Ebene der Bahn der Erde um die Sonne, könnten wir bei jedem Neumond eine totale Sonnenfinsternis sehen.

Dieser Satz bekommt den Captain Obvious Preis für relevanten Bullshit. Also darauf wäre ich ja nie gekommen! Oh mann…

Die nächsten zwei Fakten sind ja immerhin wieder interessant, auch weil es um geschichtliche Zusammenhänge geht. Im Altertum sollen die Menschen geglaubt haben, Sonne und Mond würden bei Finsternissen von einem Drachen gefressen. Nur die Frage: Welches Volk hat das geglaubt? Die Römer, die Griechen, die Babylonier, die Chinesen? Oder etwa alle? Ein wenig unpräzise, diese Aussage.

Und dann noch die Geschichte, die von Herodot überliefert ist. Das ist immerhin mal eine interessante Geschichte. Dafür auf jeden Fall mal einen Punkt. 🙂

Und zum Abschluss noch ein richtiger Kracher. Ein Fakt, der sich sogar selbst widerspricht:

Tiere sind dagegen wenig beeindruckt von einer Sonnenfinsternis. Das abnehmende Licht signalisiert den Tieren zwar, dass die Nacht anbricht. Doch der Biorhythmus wird davon nur wenig durcheinandergebracht. Es ist deshalb nicht unüblich, dass Singvögel während einer Sonnenfinsternis ruhig werden. Nachtaktive Tiere können dagegen richtig aufdrehen – aber nicht allzu lange.

Aha, Tiere lassen sich von einer Sonnenfinsternis wenig beeindrucken. Deshalb werden Singvögel während einer Eklipse ruhig und Nachtaktive drehen auf, weil es ihnen so am Arsch vorbeigeht. Sehe nur ich da einen Widerspruch?

Ich war jetzt vielleicht ein klein wenig fies und unfair, indem ich diese Faktenzusammenstellung so auseinandergenommen habe. Aber ich finde einfach, dass solche Artikel sinnlos sind, wenn sie keine relevanten Fakten präsentieren können oder diese gar falsch oder missverständlich erklären. Und einem offensichtliche Selbstverständlichkeiten als „Kuriosum“ verkaufen zu wollen, ist doch schon etwas sehr gewagt.

Kategorie: Internet
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