Is gardening art?

31.03.2015 cleaulem

gartenkunst

Ist Gärtnerei Kunst?

Diese Frage ist an sich irreführend. Denn hier geht es nicht um die Gärtnerei, sondern um die Kunst. Die Gärtnerei ist nur ein exemplarisches Beispiel für die Bereiche, bei denen man sich streiten kann, ob man sie zu den Künsten zählt oder nicht. Man könnte diese Frage auch auf Videospiele beziehen, was auch häufig getan wird und was ich in diesem Artikel auch hauptsächlich tun werde, auch wenn es der Frage nach eigentlich um die Gärtnerei gehen sollte.

Zunächst einmal muss man Kunst überhaupt definieren. Die Wikipedia kann einem helfen:

Im engeren Sinne werden damit Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit benannt, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind. Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses.

Die Kunst im weitesten Sinne ist hier uninteressant. Interessant ist hier die Definition „gezielte menschliche Tätigkeit, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind“. Hier muss man beachten, dass hier eine schöpferische Tätigkeit gemeint ist. Wenn man auf dem Sofa hockt, Chips futtert und sich eine Reality-Soap auf RTL anschaut, ist nicht gleich ein Künstler, auch wenn dies eine „Tätigkeit“ ist, die eindeutig gar keine Funktion hat.

Es zählt also die kreative Erschaffung von etwas neuem. Wenn man dies auf die Gärtnerei überträgt, dann kann man einen kreativen Prozess sehen, wenn bestimmte Blumen mit einer bestimmten Farbe in einem bestimmten Muster gepflanzt werden. Für Videospiele gilt Ähnliches. Es müssen Graphiken und Animationen angefertigt und Musik komponiert und eingespielt werden. Auch die Spielmechanik kann einem kreativen Prozess entstammen.

Es gibt jedoch viele Menschen, die Videospielen die künstlerische Natur von vornherein absprechen. So meint Brian Moriarty:

Videospiele seien industriell gefertigte Produkte, mit denen Firmen Geld verdienen. Sie könnten zwar handwerklich durchaus kunstvoll gestaltet sein und künstlerische Bilder und Musik enthalten. Ein Spiel definiere sich aber durch seine Regeln und seine Mechanik. Diese verlangen vom Spieler […] Entscheidungen ab, seien also von seinem Willen abhängig. Kunst ist jedoch erhaben […] sie transzendiere den Willen; dies sei Spielen per se nicht möglich. Und der Flow, den Spiele erzeugen, diene nicht der Besinnung, sondern er sei dazu da, Arbeit als Spaß erscheinen zu lassen.

Es gibt auch industriell gefertigte Gemälde oder auch kitschige Werke, man denke nur an den röhrenden Hirsch. Aber zu sagen, dass Kunst auf keinen Fall kommerziell sein darf, ist schon etwas weltfremd. Kein Künstler kann allein von der Luft und der Liebe leben. Man kann auch Kunst erschaffen, die kommerziell verwertet wird. Da kommt es meiner Meinung nach auf den künstlerischen Willen an, auf den Gedanken, die Inspiration, die der Künstler bei der Erschaffung des Werkes hatte. Wenn ein Straßenmaler zum hundertsten Mal den röhrenden Hirsch malt und immer wieder dieselbe Technik verwendet, dann ist das kaum als Kunst zu bezeichnen. Wenn aber ein Künstler sehr produktiv ist und viele Werke erschafft, die alle eine eigene kreative Motivation aufweisen, dann kann man das ohne Probleme Kunst nennen, auch wenn der Künstler diese Werke geschaffen hat, um sie zu verkaufen.

Zurück zur Gärtnerei. Ein Gärtner könnte demnach auch kein Künstler sein, denn er wird schließlich für sein Werk bezahlt, und das oft auch noch von der öffentlichen Hand, um öffentliche Grünanlagen zu gestalten. Doch kann trotzdem die Kreativität beim einzelnen Werk eine wichtige Rolle spielen.

Der Hauptpunkt dieses Abschnittes, in dem Videospielen das Künstlerische abgesprochen wird, ist die Interaktion des Spielers mit dem Spiel. Kurz gesagt würden Videospiele vom Spieler Entscheidungen fordern. Doch Kunst sei erhaben und würde des Willen transzendieren. Ich halte diese Argumentation für ziemlich engstirnig und schwammig. Was bedeutet zum Beispiel, dass Kunst erhaben sei? Und warum soll Kunst den Willen transzendieren? Natürlich muss man sich in einem Videospiel für bestimmte Handlungen entscheiden, doch denke ich, dass auch das ein Teil des kreativen Prozesses sein kann. Videospiele können dem Spieler schwierige moralische Entscheidungen abverlangen, die ihn zum Nachdenken bringen. Ein Spiel kann einen Spieler auch im Nachhinein beschäftigen. Man kann über Spiele reflektieren. Die Interaktion allein ist kein Ausschlusskriterium für Kunst.

Im Jahr 2004 war ich im Zentrum für Kunst- und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe. Dort gab es eine Installation, die interaktiv gestaltet war. Man konnte auf einem auf eine weiße Fläche projizierten Buch Felder antippen und so bestimmte Aktionen auslösen. Die Interaktion war hier gerade das künstlerische Stilmittel.

Der Kunstbegriff ist sehr schwammig. Wahrscheinlich hat jeder Mensch andere Vorstellungen davon, was Kunst eigentlich ist. Doch wird der Diskurs von den etablierten „Experten“ bestimmt, die nur das als Kunst akzeptieren, was in ihre engen Schubladen passt. Ein Beispiel: Ein Bekannter von mir studiert Musikwissenschaft. Er hat es dabei u.a. mit Dozenten zu tun, für die nur klassische Musik richtige Musik ist und die alles andere überhaupt nicht wahrnehmen. Sogar der „Sacre du printemps“ von Strawinsky ist für diese Herren keine „Musik“. Das 20. Jahrhundert mit seinen mannigfaltigen Entwicklungen, vom Jazz über Swing und Rock and Roll, wird als nicht relevant betrachtet.

Comics wurden früher nur als Kritzeleien für Kinder betrachtet. In den letzten Jahren steigt das Bewusstsein, dass auch Comics Kunstwerke sein können. Jedes neue Medium muss sich erst seinen Platz in der Kunstwelt erkämpfen. Der Film wurde anfangs nur als Unterhaltungsmedium betrachtet, der nur dem Vergnügen der Masse diene (im Gegensatz zum Theater). Heute werden Filme als eigenständige Kunstform akzeptiert. Dasselbe gilt für die Fotografie (im Gegensatz zur Malerei). Anfangs ist der Widerstand immer sehr groß.

Ich bin davon überzeugt, dass die Betonköpfe irgendwann aussterben werden und auch Videospiele als Kunstform anerkannt werden. Bei den Comics sind wir schon auf einem guten Weg, bei Videospielen stehen wir erst am Anfang.

Ich bin Verfechter eines weiten Kunstbegriffes. Für mich kann Kunst alles mögliche sein. Was zählt, ist der kreative Gedanke und sein Ausdruck im Werk. Man muss das Schöpferische sehen können (man muss es aber auch erkennen können). Auch die Gärtnerei kann Kunst sein, das Spielen mit Arrangements, mit Formen und Farben (und nicht zuletzt mit den Gerüchen von Blumen).

Es ist nicht unbedingt alles Kunst, aber alles KANN Kunst sein.

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