Knipsen und Erleben

15.04.2015 cleaulem

fotorahmen

Wenn man eine Reise macht, interessante Orte besucht an denen man noch nie vorher war, dann will man dieses Erlebnis möglichst im Gedächtnis behalten. In unserer modernen Zeit ist dies einfacher denn je, denn so gut wie jeder Tourist hat seine Fotokamera dabei, um seine Erlebnisse für die Nachwelt festzuhalten. War es früher die 35mm Kompaktkamera und eventuelle eine SLR für den ambitionierten Amateur, so ist es heute die kompakte Digicam oder eine digitale SLR bzw. eine Bridge-Kamera.

Nun ist es so, dass manche Menschen es mit dem Fotografieren etwas zu ernst meinen und eigentlich nur noch damit beschäftigt sind, die exotischen Orte abzuknipsen. Sie nehmen ihre Umgebung nicht mehr bewusst wahr, sondern knipsen nur noch. Der polnische Künstler Artur Urbanski hat zu diesem Thema eine Fotoserie erstellt und auf Spiegel Online ein Interview gegeben.

Ich finde das Interview besonders interessant, weil es mich zu einem gewissen Grad selbst betrifft. Ich reise sehr gerne und fotografiere dabei auch sehr viel. In den letzten zehn Jahren sind so mehr als 15.000 Bilder zusammengekommen. Letztes Jahr war ich für knapp zehn Tage in Polen und der Ukraine und habe in dieser Zeit alleine mehr als 2.000 Fotos mit meiner Casio Exilim gemacht. Dazu kommen noch ein knappes Dutzend Filme, die ich mit meiner Minox 35EL vollgeknipst habe und diverse Videos, die ich mit meinem digitalen Camcorder aufgenommen habe.

Nun stellt sich natürlich die Frage, inwiefern ich all die Dinge, die ich auf dieser Reise fotografiert habe, überhaupt bewusst wahrnehmen konnte. Schon damals sagte eine Exkursionsteilnehmerin, dass sie überhaupt nicht soviel fotografieren könnte, weil sie ja dann das alles gar nicht bewusst wahrnehmen könnte und sie lieber alles in ihrem Gedächtnis behalten möchte. Dazu möchte ich erst einmal Urbanskis Aussagen im Interview betrachten.

Wir tauchen nicht mehr in das Erlebnis in der Natur ein, sondern machen Selfies mit oder Bilder von der Landschaft, um uns – zum Beispiel auf Facebook – zu zeigen. Soziale Interaktion spielt eine große Rolle heute – wir sind mit unseren Smartphones ständig vernetzt.

Die Aussage ist für mich sehr interessant. Ich habe nämlich das Gefühl, das ich sehr wohl in das Erlebnis in der Natur eintauche, auch wenn ich nebenbei Bilder mache. Die Frequenz der Bilder spielt da für mich keine Rolle. Ich bin mitnichten nur damit beschäftigt, durch den Sucher zu schauen und auf den Auslöser zu drücken. Ich erlebe alles sehr bewusst und das Fotografieren geschieht nur so nebenbei.

Ich mache keine Selfies auf meinen Reisen. Ich fotografiere noch nicht mal sehr gerne Menschen. Ich will die Landschaft, die Umgebung, die Gebäude festhalten. Ich zeige all diese Bilder auch nicht auf Facebook oder in anderen sozialen Netzwerken. Man könnte mir vorwerfen, dass ich tonnenweise Bilder produziere, die dann auf meiner Festplatte verrotten (oder die ich dann in diesem Blog als Thumbnails benutze). Aber ich schaue mir meine Bilder immer wieder regelmäßig an und erinnere mich gerne an die Orte zurück, an denen ich sie aufgenommen habe. Auf jeden Fall spielt für mich nicht die Vernetzung eine Rolle, sondern die individuelle Erinnerung.

Die romantische Vision steht immer noch als Motivation dahinter, aber wenn wir dann dort sind, beginnen wir mit einem Konsumieren von Natur. Wir machen ein Foto – und das ist es dann. Menschen reisen an magische Naturschauplätze, von denen sie in Reiseführern gelesen haben oder in Büchern wie „1000 Places to see before you die“. Und was machen sie dort? Sie holen die Kamera heraus und machen Bilder – manchmal verbringen sie dafür nur zwei Sekunden an den großartigsten Schauplätzen der Natur.

Man mag es mir nicht glauben, aber ich verabscheue diese Herangehensweise selbst. Auch wenn ich viele Bilder mache, ist es mir doch wichtig, in die Umgebung einzutauchen. Ich bleibe nie lediglich zwei Sekunden nur um ein Bild zu machen. Wenn ich die Zeit habe, genieße ich den Augenblick, halte inne und nehme die Szenerie mit jeder Faser meines Körpers absolut bewusst auf. Fotos mache ich nebenher oder danach. Ich bin mir absolut bewusst, dass es überhaupt nicht möglich ist, die Stimmung mit einem Foto komplett einzufangen. Deshalb ist ein Foto für mich nur eine Erinnerungsstütze, aber kein Selbstzweck.

Es geht darüber, ob die Schrift unsere Erinnerung ersetzen wird. Ob wir uns nicht mehr aktiv erinnern und alles nur noch rein mechanisch abrufen. Diese Überlegung kann man auch auf die Fotos übertragen. Wird der besondere Moment durch die Fotos von seinem ursprünglich angedachten Speicherort gelöscht, der Erinnerung?

Das ist wirklich eine knifflige Frage. Ich bin (für mich persönlich) der Meinung, dass ein Foto eine Art Gedächtnisstütze ist. Ich kann mich an Reisen erinnern, die ich unternahm, bevor ich einen eigenen Fotoapparat bekam. Ich kann mich an die Orte erinnern, aber diese Erinnerung ist diffus und schemenhaft. Ein konkretes Bild kann ich nur schwer wieder ins Gedächtnis rufen. Wenn ich aber ein Foto vom entsprechenden Ort sehe, kommt mir die Umgebung, die Landschaft wieder ins Gedächtnis und damit auch die Empfindungen und Eindrücke, Geräusche und Gerüche. Doch dafür kommt es darauf an, wirklich etwas erlebt zu haben, einen Ort bewusst wahrgenommen zu haben. Und das ist glaube ich der wesentliche Punkt.

Urbanski spricht in dem Interview hauptsächlich von der Natur, doch gehören meiner Meinung nach damit Städte und von Menschen gemachte Bauten auch dazu. Denn auch diese kann man ganz individuell erleben. So war ich in Polen und der Ukraine von den Städten unheimlich fasziniert. Krakau, bekannt als eine der schönsten Städte Europas, in die ich mich auch gleich verliebt habe, oder Lemberg, eine Stadt mit einer unglaublich interessanten Geschichte und einer ebenso interessanten Architektur. Ich habe noch lebhafte Erinnerungen an diese Orte, auch ohne mir die vielen Fotos, die ich dort gemacht habe, noch einmal anzuschauen. Doch wenn ich auf die Bilder schaue, dann werden diese Erinnerungen richtig lebendig und bekommen Farben und Konturen.

Ich mag zwar viel fotografieren, vielleicht auch viel „knipsen“, doch tue ich dies stets bewusst. Ich versuche stets, alle Eindrücke so gut es geht bewusst wahrzunehmen und in mich aufzunehmen. Manchmal vergesse ich darüber das Fotografieren, was eigentlich ein positives Zeichen ist. Ich denke also, dass man mir nicht vorwerfen kann, nur zu knipsen und darüber hinaus die Umgebung komplett zu ignorieren.

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