Der Atomlobbyist

24.05.2015 cleaulem

energie

Atomkraft ist ein kontroverses Thema. Man kann da eigentlich keinen neutralen Standpunkt haben, entweder ist man vorbehaltslos FÜR Atomkraft, oder man ist absolut GEGEN Atomkraft.

Ich persönlich bin ein entschiedener Gegner der Atomkraft. Warum? Es hat bereits so viele ernste Störfälle gegeben, dass es in meinen Augen unverantwortlich ist, diese Form der Energiegewinnung weiterhin zu praktizieren. Die bekanntesten sind in dieser Hinsicht Tschernobyl und Fukushima. Aber es gab noch andere weniger gravierende Störfälle wie der Kyschtym-Unfall, bei der ein Areal von 20.000 km² radioaktiv verseucht wurde. Die Atomkraft ist keine grundsätzlich sichere Technik, das kann sie einfach schon wegen des Materials, was eingesetzt wird, nicht sein. Man muss auch mal nur Fefes Blog zum Thema Atomkraft durchsuchen um zu sehen, welche Risiken die Atomkraft birgt und mit welcher teilweise wirklich kriminellen Energie Störfälle oft vertuscht werden.

Aber die Betonköpfe sterben einfach nicht aus. Atomenergie ist ein profitables Geschäft, auch schon weil sie in vielen Ländern mit Milliardenbeträgen subventioniert wird. Und deshalb gibt es Lobbyisten, die versuchen, die Atomenergie als umweltfreundliche, ja „grüne“ Energiequelle darzustellen, die absolut sicher ist und wo NICHTS passieren kann.

Ein solcher Lobbyist ist Torsten Dilot. Er hat bei der schwedischen Zeitung „Svenska Dagbladet“ einen Meinungsartikel verfasst, in dem er die Atomkraft als nachhaltige und klimafreundliche Energiequelle anpreist. Ich werde einige Zitate aus diesem Artikel hier verwenden und sie selbst ins Deutsche übersetzen, da die meisten Leser hier wohl kein Schwedisch verstehen werden. Ich fand diesen Artikel aber einfach so ärgerlich, dass ich trotzdem darüber schreiben möchte.

Wer ist Torsten Dilot?

Wenn man sich einmal die Liste seiner (ehemaligen und aktuellen) Arbeitgeber so anschaut, sieht man ganz klar das Bild eines typischen Energielobbyisten. EON, Vattenfall, Siemens sind jetzt nicht gerade Firmen, die für ihre Umwelt- und Kundenliebe bekannt sind. Jedenfalls ist Dilots Meinung auf keinen Fall neutral. Er wird wohl mit seinen Aussagen kaum den Ast absägen wollen, auf dem er sitzt und von dem er die dicken Äpfel pflückt.

Er ist Berater in Energiefragen und hat sogar eine eigene Beratungsfirma. Seine Ausführungen verfolgen also einen bestimmten Zweck, er will für seine Seite Stimmung machen. Fairerweise muss man dazu sagen, dass der Artikel explizit als „Opinion“, also als subjektive Darstellung deklariert ist. Niemand behauptet, dass Dilot hier nur absolut objektive Wahrheiten vertritt (außer er selbst natürlich), aber man sollte dies beim Lesen des Artikel trotzdem stets im Hinterkopf behalten.

Was sagt Dilot denn nun?

Doch nun endlich zu Dilots Text. Der erste Satz ist schon ein richtiger Knaller:

I en värld, där klimathotet är ett minst lika stort hot som ett tredje världskrig, vill man inte bygga ut den klimatvänliga och hållbara kärnkraften.

In einer Welt in der die Klimabedrohung mindestens so bedrohlich wie der Dritte Weltkrieg ist, will man die klimafreundliche und nachhaltige Kernkraft nicht ausbauen.

Aha, die Kernkraft ist also klimafreundlich und nachhaltig. Dass sie selbst eine mindestens so große Bedrohung wie der Dritte Weltkrieg darstellt, wird natürlich nicht erwähnt. Später kommt aber noch mehr über die Sicherheitsaspekte, schauen wir einfach mal weiter:

I förlängningen innebär detta att Sverige, som är ett litet land, kommer få det svårt att behålla energikrävande industri och arbetslösheten kommer därav att öka ytterligare på grund av av att delar av industrin sannolikt flyttar ut.

Weiterhin beinhaltet dies dass Schweden, ein kleines Land, es schwer haben wird, Industrie mit hohem Energiebedarf zu halten und die Arbeitslosigkeit dadurch weiterhin steigen wird weil Teile der Industrie wahrscheinlich auswandern wird.

Das ist der Joker, mit dem man immer alternativlos punkten kann: Arbeitsplätze! Damit kann man jede Debatte gewinnen, indem man einfach sagt, dass die eigene Position Arbeitsplätze erhält oder schafft. Das ist ein mieses Totschlagargument, das jede weitere Diskussion im Keim ersticken soll.

Kärnkraften är en ren och hållbar energikälla där man har kontroll på avfallet.

Die Kernkraft ist eine saubere und nachhaltige Energiequelle bei der man Kontrolle über den Abfall hat.

Falsch, falsch und FALSCH! Kernkraft ist KEINE saubere Energiequelle. Wenn man sich nur einmal anschaut, welcher Aufwand betrieben werden muss, damit keine Radioaktivität in die Umwelt gelangt, dann ist es schon vermessen, von sauberer Energie zu reden. Und zu allem Überfluss ist es unmöglich ein Austreten von Radioaktivität aus einem Kernkraftwerk zu 100 Prozent auszuschließen.

Nachhaltig ist Kernkraft auch nicht. Die Brennstäbe müssen regelmäßig wiederaufbereitet werden, was teuer und riskant ist. Ein Uranstab lässt sich eben nicht ewig gebrauchen. Und dass man die Kontrolle über den Abfall hätte ist angesichts der Debatten und Streitereien, die alleine hier in Deutschland ausgefochten werden, eine dreiste Lüge sondergleichen. Leider bleibt Herr Dilot dem Leser konkrete Belege für seine Aussagen schuldig.

Kärnkraften är klimatsmart och high tech. Den kommande fjärde generationens reaktorer kommer lösa energiproblemen för tusentals år framåt.

Die Kernkraft ist klimafreundlich und High Tech. Die kommende vierte Generation an Reaktoren wird die Energieprobleme für tausende von Jahren in der Zukunft lösen.

Im folgenden erzählt er vage, wie dies geschehen soll. Er geht dabei nicht allzu sehr ins Detail, da er sonst konkreter werden müsste als „Die Kernkraft ist total super“. Ich habe mich mal bei der Wikipedia über die Reaktoren der vierten Generation schlau gemacht und habe dabei nicht viel vertrauenerweckendes gefunden. Da werden diverse Reaktortypen beschrieben, die allesamt Nachteile haben, die für mich nicht für eine erhöhte Sicherheit dieser Reaktorgeneration sprechen. Natürlich ist in dem Artikel auch von den Vorteilen die Rede, die durch die Entwicklung dieser Reaktoren erzielt werden sollen. Ich schaue hier einmal nur auf den Aspekt, der mich dabei besonders interessiert, die Sicherheit (Hervorhebungen von mir):

  • hohe Sicherheitsstandards
  • sehr geringe Wahrscheinlichkeit von schweren Reaktorschäden
  • Eliminierung des Bedarfs an externer Notfallversorgung
  • möglichst unattraktive Quelle für Diebstahl oder Abzweigung von spaltbarem Material
  • Uran-Anreicherung sollte für den Betrieb nicht nötig sein
  • möglichst sicher gegenüber terroristischen Anschlägen
  • Containment mit Inertgas gefüllt, um Brände auszuschließen

Hohe Sicherheitsstandards sind bei solch einer Entwicklung ja wohl das Mindeste. Und fast alle konkreten Punkte stehen praktisch im Konjunktiv. Eine „sehr geringe Wahrscheinlichkeit“ von schweren Reaktorschäden bedeutet nicht, dass Reaktorschäden vollkommen unmöglich sind. Dass diese Reaktoren „möglichst unattraktiv“ für Diebstahl von spaltbarem Material sein soll bedeutet nicht, dass nicht doch einmal jemand auf die Idee kommt, dort etwas mitgehen zu lassen. Und eine „maximale Sicherheit“ gegenüber Terroranschlägen bedeutet nicht, dass nicht doch irgendwann einmal einige Terroristen sich etwas einfallen lassen, um so einen Kasten doch noch hochzujagen.

Solange man nicht Störfälle dieser Art absolut ausschließen kann, sind Kernreaktoren ein unzumutbares Risiko. Und es ist technisch einfach unmöglich, solche Dinge auszuschließen. Das hat die Vergangenheit gezeigt. Schon bei älteren Reaktortypen wurde behauptet, sie seien absolut sicher und da könne rein gar nichts passieren. Es hat bereits zwei große Reaktorkatastrophen gegeben, und der nächste ist nur eine Frage der Zeit. Aussagen wie „Atomkraft ist absolut sicher“ sind immer Augenwischerei. Solche Aussagen zu glauben zeugt von absoluter Realitätsverweigerung.

Kärnkraften bär sina egna kostnader om den får slåss på samma villkor som övriga energislag.

Die Kernkraft trägt ihre eigenen Kosten wenn man sie sich nach den selben Bedingungen schlagen lässt wie die übrigen Energiesorten.

Das ist eine weitere dreiste Lüge. In Deutschland wurde die Atomenergie jahrzehntelang mit Milliardenbeträgen subventioniert, damit sie sich überhaupt lohnt. Der Bürger hat also über andere Kanäle viel Geld bezahlt, um dafür billigen Atomstrom zu bekommen:

Aber es wird noch besser. Denn Dilot zählt die Kosten mehrerer Energiesorten pro kWh auf, ohne dabei eine Quelle zu nennen. Ich kann mir im Prinzip auch irgendwelche Zahlen ausdenken, die ich dann einfach irgendwo anführe. Wenn diese Zahlen aus irgendeiner Statistik herstammen sollten, dann sind sie mit hoher Wahrscheinlichkeit manipuliert, so dass sie passen.

Und was kommt heraus? Die Kernkraft ist mit ca. 4 bis 5 Cent pro kWh sehr viel billiger als Windkraft vom Meer mit 11 bis 13 Cent pro kWh. Das war doch zu erwarten. Aus diesen Zahlen schließt Dilot:

Vattenkraften och kärnkraften betalar än så länge (om inte politikerna lägger på fler avgifter för att kunna säga att kärnkraften är dyr…) sina egna kostnader inklusive miljöskatter medan vindkraften alltså behöver subventioneras kraftigt för att vara hållbar även ekonomiskt. Vem betalar dessa subventioner? Det är förstås skattebetalarna, du och jag med flera.

Die Wasserkraft und die Kernkraft decken soweit (wenn Politiker nicht noch weitere Kosten drauflegen um sagen zu können dass die Kernkraft teuer sei…) ihre eigenen Kosten inklusive Umweltsteuern während die Windkraft also stark subventioniert werden muss um auch ökonomisch nachhaltig zu sein. Wer bezahlt diese Subventionen? Natürlich der Steuerzahler, du und ich und andere.

Torsten Dilot lügt, dass sich die Balken biegen. Man muss nur mal darüber nachdenken, welcher technische Aufwand nötig ist, um ein Atomkraftwerk zu bauen. Ein Kraftwerk kostet Milliarden! Und dann muss noch der Brennstoff aufbereitet werden, wiederaufbereitet werden, transportiert werden und endgelagert werden. Das Kraftwerk wird irgendwann einmal rückgebaut werden müssen und die strahlenden Teile auch entsorgt werden. Das lassen sich die Energiefirmen alle gut bezahlen. In Deutschland gehen jetzt die Energiefirmen hin und jammern, dass man sie nicht das Geld mit Braunkohleförderung verdienen lässt, um später die Atomkraftwerke abreißen zu können. Wie passt das zusammen? Die Firmen müsste doch soviel Geld mit dem „billigen“ Atomstrom verdient haben, dass das doch kein Problem sein sollte! Und sind in diesen Kosten auch die Kosten berücksichtigt, wenn ein Atomkraftwerk mal in die Luft fliegt und ganze Landstriche verseucht und unbewohnbar werden? Die Kosten für die medizinische Versorgung vieler tausend Menschen, für die volkswirtschaftlichen Schäden eines Reaktorkatastrophe?

Wenn man sich dagegen einmal eine Offshore-Windkraftanlage auf dem Meer betrachtet, dann muss man da einfach ein Paar Windräder aufstellen, die ab und zu gewartet werden müssen und die, solange Wind weht, absolut risikofrei, zuverlässig und kostenlos besten Strom liefern. Wie Dilot auf seine Zahlen kommt, ist mir ein Rätsel, die angeblich so hohen Kosten für Windenergie kann ich absolut nicht nachvollziehen. Und Atomkraft soll so billig sein?

Satsar vi vidare på kärnkraft (och vattenkraft) däremot kommer vi att få ett hållbart samhälle med en tryggad energiförsörjning. […] Alternativet vill jag inte tänka på: Energikris som skapar arbetslöshet som, när den blir för stor, skapar social oro.

Setzen wir dagegen weiterhin auf die Kernkraft (und die Wasserkraft) bekommen wir eine nachhaltige Gesellschaft mit einer sichergestellten Energieversorgung. […] An die Alternative will ich nicht denken: Energiekrise die Arbeitslosigkeit auslöst die, wenn sie zu groß wird, soziale Unruhen auslöst.

Ich ziehe die Arbeitsplatzkarte und erhöhe um soziale Stabilität. Da wird also ernsthaft behauptet, dass ohne Atomenergie die Energieversorgung in Schweden in Gefahr sei, dadurch Arbeitsplätze gefährdet werden und es zu sozialen Unruhen komme. Das ist wirklich übelster Populismus der widerwärtigsten Sorte.

Ett vindkraftverk på X MW kräver en reservkraft (baskraft) som också har kapaciteten X MW. Denna reservkraft hämtas från andra energikällor som inte är beroende av att det blåser eller inte. Detta behövs för att bära upp stamnätet och trygga energiförsörjningen för pågående verksamheter. Vi vill inte bo i kalla bostäder bara för att det inte blåser vissa dagar; i synnerhet om det är sträng kyla och då brukar det som bekant också vara vindstilla.

Ein Windkraftwerk mit X MW benötigt eine Reservekraft (Basiskraft) die ebenfalls die Kapazität von X MW hat. Diese Reservekraft wird von anderen Energiequellen hergenommen die nicht davon abhängen ob der Wind weht oder nicht. Dies ist nötig um das Stammnetz aufrecht zu erhalten und die Energieversorgung für laufende Prozesse sicherzustellen. Wir wollen nicht in kalten Wohnungen wohnen nur weil an bestimmten Tagen nicht der Wind weht; besonders wenn besondere Kälte herrscht und da pflegt es bekanntermaßen auch windstill zu sein.

Es gibt für die Wind- und Sonnenkraft bereits Methoden, um eine lückenlose Energieversorgung sicherzustellen. Und die Argumentation, dass an kalten Tagen wenig Wind weht, ist ausgemachter Blödsinn. Er behauptet, dass man eine Energiequelle benötige, die eine genauso hohe Leistung erbringe wie ein entsprechendes Windkraftwerk, um die Energieversorgung sicherzustellen. Er sagt quasi, das Windkraftwerk sei absolut nutzlos, weil man eh ein Backup braucht. Warum also nicht gleich das Backup nehmen?

Zum Schluss stellt Dilot den Politikern noch ein Paar Fragen:

Är ni medvetna om förhållandet mellan de olika energislagen? Är ni medvetna om att om Sverige ska fortsätta vara oberoende av import av energi att vi behöver satsa på den klimatsmarta kärnkraften, det vill säga bygga nya kärnkraftverk som ska ersätta de gamla när de har tjänat ut?

Sind Sie sich über das Verhältnis zwischen den verschiedenen Energiesorten bewusst. Sind Sie sich bewusst dass, wenn Schweden weiterhin unabhängig von Energieimporten bleiben soll, wir auf die klimafreundliche Kernkraft setzen müssen, wir also neue Kernkraftwerke, die die alten ersetzen wenn diese ausgedient haben, bauen müssen?

Dilot stellt Atomkraft als alternativlos dar. Das ist eine gefährliche Aussage. Seine Argumentation ist sehr durchsichtig. Er stellt seine Sicht als alternativlos dar und diskreditiert andere Energiesorten als die Atomkraft mit Totschlagargumenten. Er stellt fragwürdige Zahlen ohne Quellenangaben dar und zieht daraus teilweise sehr seltsame Schlüsse.

Schlusswort

Dilots Artikel ist der typische Beitrag eines Atomlobbyisten. Die „positiven“ Aspekte der Kernkraft werden bis zum Erbrechen wiederholt, während die negativen Aspekte und die Risiken beiläufig beiseite gewischt oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen werden.

Die Kernkraft ist sehr gefährlich. Es gab schon genug katastrophale Vorfälle. Vor Tschernobyl wurde gesagt, dass ein solcher Störfall einmal in Tausend Jahren auftreten würde. Innerhalb von 25 Jahren sind nun gleich ZWEI solcher Katastrophen geschehen, und die Chancen, dass sich eine solche Katastrophe wiederholt, stehen wie gesagt nicht sehr schlecht.

Die Risiken, die die Atomkraft birgt, lassen sich nicht mit absoluter Sicherheit auf Null verringern. Egal wie sicher man ein Kernkraftwerk baut, es wird IMMER ein Restrisiko geben. Wer etwas anderes behauptet, ist entweder ein bösartiger Lügner oder er ist unglaublich naiv und dumm. Und es gibt nichts, was auch nur das geringste Risiko einer atomaren Verseuchung rechtfertigen würde.

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