Senioren am Steuer

25.05.2015 cleaulem

kaefer

In Deutschland gibt es ein Thema, das absolut tabu ist. Kein Politiker in diesem Land kann es sich leisten, auch nur laut daran zu denken: Gesundheitschecks für ältere Autofahrer. Würde ein Politiker auch nur die leiseste Idee äußern, so etwas einführen zu wollen, wäre seine politische Karriere wahrscheinlich schnell vorbei. Denn die Alten in diesem Land bilden eine sehr große, sehr mächtige Wählergruppe. Dabei gibt es sehr viele Argumente, die einen solchen Gesundheitscheck sinnvoll machen würden.

Bei der „Zeit“ gab es kürzlich einen Artikel über das Thema Autofahren im Alter. Diesem Artikel kann man entnehmen, dass die gesetzlichen Regelungen für verpflichtende Gesundheitstests für ältere Autofahrer in Europa sehr unterschiedlich sind. In Deutschland gibt es dabei gar keine Einschränkungen. Wenn man einmal seinen Führerschein gemacht hat, kann man Auto fahren bis man tot umfällt.

Neben Deutschland stellen etwa Frankreich, Österreich, Polen, Belgien und Bulgarien eine unlimitierte Fahrerlaubnis aus. Die große Mehrheit der EU-Staaten hat aber Altersbestimmungen, die allerdings variieren. In Großbritannien reicht eine Selbstauskunft zum Gesundheitszustand aus, in Italien und Portugal wird ab 50 Jahren ein Gesundheitszeugnis verlangt, in den anderen EU-Ländern ist dies erst für 60-, 65- oder 70-Jährige notwendig.

Dabei ist eine solche Regelung durchaus sinnvoll. Doch in Deutschland will man nichts davon wissen.

Solche Einschränkungen stoßen in Deutschland auf kollektive Ablehnung. Diskriminierung von Älteren, schreien die einen, die Lobbyverbände winken einhellig ab: „Bringt nichts, brauchen wir nicht.“

Eine Aussage aus dem Artikel ist dabei aber sehr erstaunlich:

„Es gibt keine Tests, die eine ausreichende Trennschärfe liefern“, meint Ulrich Chiellino, Verkehrspsychologe des ADAC. Obligatorische Tests in anderen Ländern zeigten keine nennenswerten Effekte in deren Unfallstatistiken.

Ach ja? Das halte ich für eine erstaunliche Aussage. Denn in einem Artikel auf Spiegel Online vom November 2014 heißt es:

Sind Senioren in Unfälle mit Personenschaden verwickelt, tragen sie laut Statistischem Bundesamt meistens die Hauptschuld. Autofahrer im Alter zwischen 60 und 65 waren 2013 demnach in 54 Prozent der Fälle die Unfallverursacher. Bei den 70- bis 75-Jährigen klettert der Wert auf rund 64 Prozent. Bei den über 75-Jährigen ist er doppelt so hoch wie bei Fahrern zwischen 30 und 60 Jahren, und das Unfallrisiko eines 80-Jährigen ist vergleichbar mit dem eines Fahranfängers.

Wie sagte schon Winston Churchill: „Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe.“ Nun kann ich weder die eine noch die andere Argumentation nachvollziehen, doch finde ich die Aussagen aus dem SPON-Text stichhaltiger, wo sogar konkrete Zahlen vom Statistischen Bundesamt genannt werden (eine konkrete Quellenangabe, um die Zahlen nachzuvollziehen, wäre aber besser gewesen). Chiellino tätigt einfach nur eine Aussage mit Verweis auf „Statistiken“ ohne aber konkrete Zahlen zu nennen.

Money Quote aus dem Zeit Artikel:

Auch ADAC-Verkehrspsychologe Chiellino sieht in den Senioren am Steuer keine besondere Gefahr. „Die größte Gefahr geht von den jungen wilden Fahrern zwischen 18 und 24 Jahren aus. Statistisch gesehen stellen über 65-Jährige kein erhöhtes Risiko dar“, sagt Chiellino. Erst ab 75 Jahren gebe es in der Unfallstatistik einen moderaten Anstieg.

[…] „Viele Ältere meiden gefährliche Situationen, indem sie nachts, im Winter oder bei Regen nicht Autofahren.“

Hier geht es also wieder um das alte Märchen der jungen wilden Fahrer, die rücksichtslos herumrasen und eine Gefahr für die öffentliche Ordnung darstellen, während die älteren Fahrer viele Jahre Erfahrung und eine umsichtige Fahrweise vorweisen können.

Dieses Klischee hat mir sogar einmal richtig Probleme bereitet. Ich hatte mal einen Gerichtsprozess wegen eines Verkehrsunfalls gegen eine junge Frau. Ich war zum Zeitpunkt des Unfalls 19 Jahre alt, also noch ein ziemlicher Anfänger. Ich bin bei Gelblicht über eine Kreuzung gefahren als mir eine Linksabbiegerin direkt vors Auto gefahren ist. Obwohl sie eindeutig die Hauptschuld an dem Unfall trug, bekam ich 50 Prozent der Schuld an dem Unfall zugesprochen. Und warum? Weil der Richter grundsätzlich Vorbehalte gegen junge männliche Autofahrer hatte (es ist wirklich so, das hat der ziemlich eindeutig transportiert).

Der SPON-Artikel hat dagegen eine andere Hauptaussage:

Die Mehrheit der Befragten (78 Prozent) über 65 Jahren ist der Ansicht, dass ein Gesundheitscheck erst ansteht, wenn Fahrer selbst merken, dass die Fahrfitness nachlässt.

Das Problem dabei: Viele der Betroffenen schätzen sich dabei falsch ein – denn mit zunehmendem Alter steigt das Unfallrisiko: […]

Nur selten kommen gesundheitliche Beeinträchtigungen massiv und in kurzer Zeit. Deswegen gewöhnen sich älterwerdende Autofahrer an die sich langsam verschlechternden Umstände – und merken selbst gar nicht, welchem Risiko sie sich und andere beim Fahren aussetzen.

Diese Aussagen decken sich auch eher mit meinen eigenen Erfahrungen, über die ich hier auch etwas schreiben möchte.

Wie ich es erlebe

Um es gleich deutlich zu sagen: Ich erlebe ältere Autofahrer sehr häufig als Ärgernis, wenn nicht sogar als immenses Sicherheitsrisiko. Ich bin selbst ein recht flotter Fahrer, das muss ich zugeben. Doch fahre ich dabei sehr besonnen und konzentriert. Und an wirklich engen, unübersichtlichen und gefährlichen Stellen rase ich nie. Oft werde ich selbst sogar noch von Rasern bedrängt und genötigt. Man kann mich also keineswegs als Raser bezeichnen. Ich habe meinen Führerschein bereits seit zwölf Jahren ohne auch nur einen einzigen Punkt in Flensburg kassiert zu haben und geblitzt wurde ich in dieser ganzen Zeit auch nur drei Mal.

Ich erlebe es oft, dass ein Auto vor mir unzumutbar langsam fährt. An einer Stelle wo man siebzig fahren darf fährt es fünfzig. Innerorts wird manches Auto nie schneller als dreißig. Und sehr oft sehe ich dann, dass der Fahrzeugführer (oder die Fahrzeugführerin) graues Haar hat. Ein solches Fahrverhalten wird von Lobbyisten gerne als besonnen bezeichnet, für mich ist das eine astreine Nötigung. Wie oft bin ich schon zu spät gekommen, weil vor mir irgendwelche alten Herrschaften meinen, am Steuer fast eindösen zu müssen.

Natürlich kann ich nachvollziehen, dass viele alten Menschen so langsam fahren, weil sie durch ihre verlangsamte Reaktion sonst mit der Verkehrssituation überfordert wären. Aber müsste das nicht bedeuten, dass diese Menschen dann im Straßenverkehr nichts mehr zu suchen haben. Langsames herumkriechen, Abbiegevorgänge in Zeitlupe und Beinaheunfälle durch falsche Reaktionen erlebe ich fast täglich, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin. Dazu kommt noch, dass viele solcher Silberrücken auch noch fürchterlich stur sind und einem dann noch Handzeichen geben, weil sie sich im Recht wähnen oder einen absichtlich herunterbremsen um einem eine „Lektion“ zu erteilen.

Gerade diese langsame Fahrweise beugt nicht Unfällen vor, sondern beschwört sie geradezu herauf. Man muss sich nur vorstellen, dass man auf einer Landstraße unterwegs ist. Man fährt 100 km/h, weil dies die erlaubte Höchstgeschwindigkeit ist, das Terrain ist auch recht übersichtlich, so dass diese Geschwindigkeit auch angemessen erscheint. Ich meine auch nicht, dass man besinnungslos rast, sondern dass man mit einer vernünftigen Geschwindigkeit unterwegs ist. Nun fährt man um eine Kurve an einem Hang. Man sieht also nicht, was sich direkt hinter der Kurve befindet. Und plötzlich sieht man ein Auto mit 60 km/h vor einem hertuckern und man muss wie blöd in die Eisen steigen um eine Kollision zu verhindern. Ganz ehrlich, ich finde nicht, dass man ständig damit rechnen MUSS, dass hinter jeder Kurve ein Auto viel zu langsam vor einem fährt. Vor allem, weil das Auto ja nicht steht, sondern sich bewegt, so dass es schwerer ist, seine Geschwindigkeit mit der eigenen in Relation zu setzen.

Andere Dinge, die mir sauer aufstoßen sind plötzliche und abrupte Bremsvorgänge an gut übersichtlichen Stellen ohne Hindernis. All diese Dinge, die als „besonnenes Fahren“ dargestellt werden, stellen in einem Straßenverkehr, in dem die meisten Leute „normal“ autofahren, eine tatsächliche Gefährdung dar.

Ich bin der Ansicht, dass jemand, der nicht im fließenden Straßenverkehr zurechtkommt, dort auch nichts verloren hat. Auch das Argument der „individuellen Mobilität“ zieht hier meiner Meinung nach nicht, denn das bedeutet nur, dass es hier an ordentlichen Angeboten für ältere Menschen fehlt. Außerdem spielt hier wohl auch eine gehörige Portion Sturheit mit hinein.

Wenn ich mir ältere Menschen in der freien Wildbahn anschaue, bin ich oft doch sehr erstaunt, wie unfähig sie sich im Alltag anstellen. Ich arbeite in einem Betrieb, wo ich mit vielen älteren Kunden zu tun habe, die sich durch recht langsame Reflexe und einer ziemlich eingeschränkten Fähigkeit, Zusammenhänge zu begreifen, auszeichnen. Und sehr häufig sehe ich, wie gerade diese „verpeilten Zombies“ mit dem Auto angefahren kommen. Diese Leute fahren Auto! Die Großmutter meines Schwagers ist 90 und fährt noch Auto. Dabei ist diese Frau hochgradig verwirrt und kann kaum laufen. Aber sie lenkt ein Kraftfahrzeug! Die Politik setzt auf Freiwilligkeit, doch gegen Sturheit ist dabei kein Kraut gewachsen.

Kann man die Leute dazu zwingen?

In Deutschland gibt es derzeit keine Pläne, verpflichtende Gesundheitstest für autofahrende Senioren einzuführen:

In Deutschland bleibt es also zunächst bei der Freiwilligkeit. Das Bundesverkehrsministerium will die gesetzlichen Bestimmungen nicht ändern, die Fahrerlaubnis gilt weiterhin uneingeschränkt. „Entscheidend für die Fahrtüchtigkeit eines Verkehrsteilnehmers ist nicht das Alter, sondern der Gesundheitszustand“, sagt ein Ministeriumssprecher. Der schwarze Peter wird damit den Hausärzten zugeschoben, denn sie sollen Senioren über Gesundheitsrisiken im Straßenverkehr aufklären.

Man will ja seine Wähler nicht vergraulen. Doch wäre doch einmal die Frage interessant, ob es theoretisch möglich wäre, solche Tests einzuführen. Die Antwort darauf ist eindeutig ja.

Als ich einmal Jura im Magister-Nebenfach studierte, war ich bei einem recht bekannten Staatsrechtler in der Staatsrechtsvorlesung. Dabei hatten wir als Beispielsfall die Frage, ob solche verpflichtenden Gesundheitstests gegen die Grundrechte aus dem Grundgesetz verstoßen. Dazu wurde alle wichtigen Aspekte geprüft, z.B. die Verhältnismäßigkeit dieser Maßnahme, ihre Zweckmäßigkeit (ob sie dazu geeignet ist, die Verkehrssicherheit zu verbessern) und ob sie auf eine einzelne Gruppe (in diesem Fall ältere Menschen) beschränkt werden darf. Es stellte sich bei der Prüfung heraus, dass eine solche Regelung, wenn richtig angewandt, durchaus rechtlich durchführbar wäre. Allein der Wille dazu fehlt…

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