Filterkaffee, der ultimative Genuss für Hipster

04.06.2015 cleaulem

lofbergslila

Kaffee ist der Lebenssaft unserer Gesellschaft. Viele Menschen können nach dem Aufstehen überhaupt erst funktionieren, wenn sie ihre erste Tasse Kaffee getrunken haben. Mir geht es nicht anders. Jeden Morgen mache ich mir erst einmal einen Kaffee, um meine Neuronen zu aktivieren.

Ich war früher noch nicht einmal ein so großer Kaffeetrinker. Dies änderte sich mit meinem Auslandssemester in Schweden, dem Land der Kaffeetrinker (ich habe mal gehört, dass die Schweden den weltweit höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Kaffee haben). Dort lernte ich die vielfältigen Annehmlichkeiten der schwarzen Brühe kennen. Ich holte mir jeden Morgen vor der Uni einen Becher Kaffee, zum Mittagessen (in Schweden „Lunch“ genannt) zelebrierte ich geradezu nach der Mahlzeit meinen obligatorischen Kaffee, um die Verdauung anzuregen. Und ich habe in Stockholm den Fehler begangen, es mit dem „Kaffe med påtår“ (man bezahlt einmal und kann sich dann so oft man will nachschenken) übertrieben. Ich bekam zittrige Hände und meine Pupillen waren ziemlich geweitet. Doch ich überstand dieses Abenteuer ohne bleibende Schäden und frönte weiterhin dem Kaffeegenuss.

Zurück in Deutschland blieb ich ein passionierter Kaffeetrinker, auch wenn der Kaffee hierzulande doch anders schmeckt als in Schweden. Der deutsche Kaffee ist nicht ganz so kräftig, die Schweden rösten ihren intensiver. Auch ist die Brühung in Deutschland nicht so kräftig wie es die Schweden mögen. Aber ich kann damit trotzdem ganz gut leben, und für besondere Anlässe habe ich immer noch ein Paar Päckchen schwedischen Kaffee im Schrank. 😉

Wie ich meinen Kaffee trinke

Eine der wichtigsten Fragen beim Kaffee ist aber, welche Sorte man trinkt und wie man seinen Kaffee schließlich zubereitet. Unter Sorte verstehe ich hier so etwas wie Cappuccino oder den einfachen Becher Kaffee schwarz. Zuhause trinke ich meinen Kaffee aus dem Pad-Automaten. Das geht sehr schnell und einfach, ohne sich einen Riesenstress machen zu müssen. Vom Geschmack her ist dieser Kaffee doch recht in Ordnung, vor allem da ich einige Sorten und Marken durchprobiert habe und meine Favoriten habe, die besonders gut schmecken.

Meinen Kaffee trinke ich immer mit Milch und Zucker. Man mag mich für ein Weichei halten, aber so schmeckt er mir einfach am besten. In Schweden, wo der Kaffee doch recht herb ist, ist das die einzige Möglichkeit, diese Brühe zu überleben. An der Uni bin ich natürlich auch auf meinen Kaffee angewiesen, und ich trinke da den Kaffee, den ich mir auch in einem Café zu bestellen pflege: den Cappuccino. Die Mischung aus Espresso mit ganz viel Milchschaum, dazu eine ordentliche Prise Zucker, ist für mich ein Hochgenuss. Ich spüle meinen Cappuccino auch nicht einfach so in mich hinunter, sondern ich zelebriere ihn regelrecht.

Kurz und gut: Im Alltag trinke ich Automatenkaffee, entweder Pad-Brühe oder Cappuccino. Ich trinke aber ab und zu auch noch andere Sorten Kaffee. Zum einen habe ich mir eine kleine Espressokanne gekauft, mit der ich mir eine Tasse Kaffee brühen kann, der recht kräftig ist (auch wenn man diese Brühe nicht wirklich als Espresso bezeichnen kann). Diesen gieße ich mit Milch auf und füge noch Zucker hinzu, so dass dieser Kaffee für mich ein besonderer Genuss ist. Die Espressokanne zu bestücken ist ein wenig aufwendiger, so dass ich das nicht einfach so nebenher mache. Aber ich finde auch, dass die Zubereitung und deren Zelebrieren auch ein wenig zum Genuss gehört. Doch dazu später mehr.

In Schweden stand ich vor dem Problem, dass ich keine Kaffeemaschine besaß, aber auch nicht auf meinen morgendlichen Kaffee verzichten wollte. Also kaufte ich mir einen Handfilter, mit dem ich mir eine Kanne Kaffee per Hand aufbrühen konnte. Auch diese Methode ist etwas aufwendiger, doch bekommt man dafür auch gleich eine ganze Kanne. Und das interessanteste: Dieser handaufgebrühte Kaffee schmeckt einfach ausgezeichnet! Ich habe in all den Jahren kaum besseren Kaffee getrunken als jenen, den ich täglich selbst aufgebrüht habe.

Filterkaffee für Hipster

Wie komme ich jetzt überhaupt auf dieses Thema? Nun, im Moment ist der Filterkaffee der heiße Trend unter „Slow-Food-Jüngern“. Oh ja, die Hipster haben den Kaffee für sich entdeckt. Ich kann darüber nur müde lächeln, ich machte das schon bevor es cool war. 😉

Viele tragen Vollbärte und Brillen im Fünfzigerjahre-Design, gefühlt spricht jeder Zweite Englisch. Zur heutigen Meisterschaft sind Brühexperten aus ganz Europa angereist. 32 Kaffeekönner treten gegeneinander an – allerdings nicht an einer großen Maschine und nicht am klassischen Porzellanfilter. Sie arbeiten mit einem Presskolben aus Plastik und einem Brühzylinder.

Dies ist der Anstoß für diesen Artikel, auch wenn er schon ein Paar Monate alt ist. Da wird eine Sache von Hipstern vereinnahmt, die nach dem neuesten „individuellen“ Trend suchen, der möglichst retro und altgedient sein soll, damit man ihn in seinen vor Beliebigkeit strotzenden Lebensstil, oder wie man besser sagt, Lifestyle, integrieren kann. Man versucht sich abzuheben, nur um es dann genauso zu machen wie all die anderen Hipster, da man sonst nicht dazu gehört.

Und was noch dazu gehört: Da wird nicht einfach nur das althergebrachte Zubehör genommen, sondern es muss gleich was ganz neues sein, um das alte zu generieren:

Ähnlich wie bei der Pressstempelkanne, bekannt aus deutschen WG-Küchen, drückt man bei der sogenannten „AeroPress“ die Brühe händisch durch den Kaffee. Die Flüssigkeit steigt nicht durch das Pulver nach oben, sondern läuft durch einen Papierfilter in ein Gefäß. Angeblich kann man den Geschmack des Kaffees so besonders ausgefeilt manipulieren.

„Das Verhältnis zwischen Pulver und Wasser sollte passen“, sagt Kristina, „wir wollen, dass die Säure des Kaffees und die Bitterstoffe zusammenpassen.“ Dafür hat sie einen eigenen Koffer mit Equipment mitgebracht. Darunter eigene Kannen und ein Refraktometer, um die Pulverdichte im Kaffee zu messen.

Da haben wir es doch wieder: Man muss alles bis zur letzten Perfektion betreiben. Man kann den Kaffee nicht einfach Kaffee sein lassen. Da muss noch jedes kleine Detail seziert werden, damit ja die Wassermenge, die Wassertemperatur, der Säuregrad, die Pulverdichte, die Feinheit des Pulvers, das Bouquet und was weiß ich nicht noch alles stimmt.

Mahlgrad, Wasserhärte, Brühtemperatur – für die Kaffee-Nerds im „The Barn“ sind diese Werte ein Lifestyle-Thema. „Wir haben vergessen, dass Kaffee ein hochwertiges Produkt ist, wegen der Industrieproduktion und all der Convenience-Produkte“, sagt Ralf Rüller, Betreiber des „The Barn“ und Veranstalter der Kaffeeschlacht. „Dabei hat das Produkt Kaffee mehr als 800 verschiedene Aromen und Geschmäcker.“ Und so haben die Gourmet-Kaffees mit der Plörre aus dem Büro in etwa so viel zu tun wie ein Rothschild-Wein mit Sangria. Die edlen Zubereitungen sind mehr braun als schwarz und schmecken fruchtig statt verbrannt. Und sie entfalten ihren Geschmack vor allem für Kenner. [Hervorhebungen von mir]

Soso, da wird also nach dem ultimativen Genuss gesucht. Es ist gut und schön, dass man bei Lebensmitteln auf Qualität setzt. Ich unterstütze so etwas auf jeden Fall. Ich kenne auch den Unterschied zwischen dem Automatenkaffee aus der Uni und dem handgebrühten Qualitätskaffee und weiß letzteren auch mehr zu schätzen. Doch ich finde das Theater, das dort veranstaltet wird, einfach nur affig. Da stellen sich Leute hin und führen sich als Experten auf, weil sie Kaffee per Hand durch einen Papierfilter pressen. Es ist ein Lifestyle, eine Inszenierung. Wäre dies nicht gerade trendig, würden diese Herrschaften weiterhin ihren durchschnittlich schmeckenden Kaffee mit dreißig Variablen bei Starbucks schlürfen und dabei auf ihr iPhone starren. So gerieren sie sich als Avantgarde, weil sie ihren Kaffee durch eine Plastikdose pressen und sich einbilden, sie würden das allerbeste aus der Bohne extrahieren. Dass sie dies tatsächlich tun, will ich doch stark bezweifeln. Da ist meiner Meinung nach auch sehr viel Show dahinter.

Gastronom Rüller und seine Gäste gehören zu den Jüngern der sogenannten „Dritten Welle“ des Kaffeetrinkens. Nach dem Supermarkt-Kaffee und den aromatisierten Espresso-Latte-Bechern von Starbucks und Co. wird ein neuer Typus populär: Immer mehr Läden in deutschen Großstädten bieten Filterkaffee als Delikatesse an – sortenrein, ohne Zusätze und mit spezieller Technik aufgebrüht. Ein Kännchen kostet da schon einmal fünf Euro und mehr.

Soso, da wird einem also ein Kännchen stinknormalen Kaffees für fünf Euro angedreht, weil er als Delikatesse gehandelt wird. Sortenrein und ohne Zusätze, da muss er ja ein Vermögen kosten!1!! Es ist einfach nur eine neue trendige Sau, die durchs Dorf getrieben wird, damit sich einige Hipster damit profilieren können. Ich konnte so ein Gedöns noch nie verstehen. Es ist wie beim Wasser: Da gibt es jetzt einige exotische Wassersorten aus ganz besonderen Quellen, handgeschöpft und mit einer einzigartigen Mineralienzusammensetzung. Da kostet eine Falsche gerne mal einen dreistelligen Betrag, und dabei ist es einfach nur Wasser!

Eine solche Darreichung ist mehr Schein als Sein. Da wird etwas relativ profanes für sehr viel Geld an die Leute gebracht. Ich will nicht sagen, dass der Kaffee keine gute Qualität haben wird, aber ich bräuchte nicht ein solches Getue darum haben, damit mir der Kaffee schmeckt. Man kann mich einen Banausen nennen, aber wenn ich einen guten Kaffee will, dann soll er einfach nur gut schmecken und nicht vom kenianischen Bauern, der mit dem Kaffeebarbesitzer zusammen auf Instagram verewigt ist, mit Vornamen angeredet werden.

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