Hinterfrage alles!

11.06.2015 cleaulem

kunstaugen

Was soll ein Student an der Universität vor allem lernen? Heutzutage scheint die Hauptaufgabe der Unis zu sein, den Studenten genormte Lehrinhalte einzupauken, damit sie genormte Abschlüsse bekommen und so möglichst schnell für den Arbeitsmarkt konditioniert sind. Doch eigentlich ist die Hauptaufgabe eines Universitätsstudiums etwas, das in der heutigen Hochschullandschaft immer mehr in den Hintergrund gerät: den Studenten das kritische Hinterfragen von Sachverhalten beizubringen.

Einer meiner Geschichtsdozenten — meiner Meinung nach einer der fähigsten Dozenten, die ich als Student jemals getroffen habe — wird nicht müde immer wieder zu betonen, dass man ja nichts für gegeben hinnehmen soll. Man soll stets alles hinterfragen. Wenn er fragt, woher man etwas denn wüsste, akzeptiert er keine Antworten wie „weil es in diesem Buch steht“. Und er hat absolut recht. Man sollte niemals etwas als gegeben hinnehmen, sondern sich immer die Frage stellen, woher man etwas weiß oder warum etwas so ist, wie es ist.

Meiner Meinung nach unterscheidet dies einen wirklich gebildeten Menschen von einem ungebildeten: die Fähigkeit, Sachverhalte kritisch zu hinterfragen und sie aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Man kann sich natürlich mit vorgefertigten Antworten anderer zufriedengeben oder sich gar nicht erst über irgend etwas Gedanken machen. Doch so kommt man nicht weit. Fortschritt ist nur dann möglich, wenn man bereit ist, die bestehenden Verhältnisse infrage zu stellen. Ansonsten gerät man in Stagnation.

In unserer heutigen Gesellschaft ist die Tendenz zur sogenannten „Alternativlosigkeit“ zu beobachten. Kritisches Nachfragen ist eher unerwünscht, die gefahrene Linie ist die einzig richtige. Warum eigentlich? In Deutschland betrachten wir und dem „Westen“ zugehörig, und das ist automatisch eine gute Sache. Ist es das wirklich? Deutschland hat seine kulturellen Wurzeln im Christentum, und dies wird immer als positive Sache angesehen. Aber ist es wirklich positiv?

Ich will damit nicht sagen, dass die „westlichen Werte“ per se schlecht sind oder dass das Christentum in Wirklichkeit schädlich ist. Ich möchte damit nur zeigen, dass diese Werte unhinterfragt als positiv betrachtet werden. Man muss aber auch die Frage stellen dürfen, warum diese Dinge denn nun angeblich so gut sind. Nur so kann man eine eigene Meinung entwickeln, ohne einfach nur die Parolen anderer nachzuplappern. Wenn man für sich dann trotzdem zu dem Ergebnis kommt, dass die westlichen Werte etwas Gutes sind, dann ist das völlig in Ordnung, solange man dies auch ordentlich begründen kann.

Übernimmt man kulturelle Paradigmen ohne kritische Betrachtung, läuft man Gefahr, das ursprünglich positive in ihnen zu vergessen. Wenn sich nun ein totalitäres Regime auf „westliche Werte“ oder auf das Christentum beruft (was tatsächlich schon mehrere Male geschehen ist), dann muss man dies kritisch hinterfragen, um dem Totalitarismus die eigenen inneren Widersprüche aufzuzeigen. Die aktuellen Tendenzen, dass kritische Fragen unerwünscht sind und die Politik als „alternativlos“ betrachtet wird, ist in dieser Hinsicht bedenklich, werden doch so totalitäre Gedanken gefördert, was man vereinzelt schon in unserer „demokratischen Gesellschaft“ beobachten kann.

Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Hinterfragt alles! Wieso gelten hier und da diese und jene Regeln? Wieso macht man dies so und nicht anders? Ist ein historisches Ereignis tatsächlich so geschehen, wie einem immer erzählt wird? Nur mit einem kritischen Geist kann man die Wahrheit auch nur annähernd erahnen. Der unkritische Geist lebt in einer Welt, in der die Wahrheit hinter dicken Vorhängen aus Vorurteilen und vorgefertigten Meinungen verdeckt ist. Man muss diese Meinungen hinterfragen, damit man hinter den Vorhang blicken kann und die Wahrheit erkennen kann.

Um nochmal auf das Universitätsstudium zurückzukommen. Ich war einmal in einer Referatsgruppe, die sich mit Perikles auseinandersetzte. Nun mussten wir dazu diverse Quellen sichten, die sich mit der Biographie des Perikles befassten, unter anderem eine Biographie von Plutarch. Nun lässt sich durchaus sagen, dass Plutarch mit dieser Biografie ein gewisses Ziel verfolgte und man deshalb seine Angaben nicht absolut für bare Münze nehmen kann. Es fiel mir unheimlich schwer, dies meinen Kommilitonen zu vermitteln, die eher dazu geneigt waren, diese Aussagen einfach so hinzunehmen, um sich Arbeit zu sparen. Als Argument wurde unter anderem hervorgebracht, dass man ja dann an allem zweifeln könne und dann nichts mehr gelten würde. Aber so funktioniert kritisches Denken nicht. Man kann alles hinterfragen, was aber nicht bedeutet, dass man alles für ungültig erklärt. Man versucht nur zu ergründen, welche Aussagen in der Quelle nun glaubhaft sind und welche nicht.

Ich bin daran fast verzweifelt, weil das einfach nur zeigt, wie sehr unser Bildungssystem heutzutage schon auf dem Weg der Konformität ist. Studenten sollen lernen, kritisch zu hinterfragen. Dies ist ihnen aber zu anstrengend. Man sollte unter anderem studieren, um wissenschaftliches Denken zu lernen, und nicht, um einfach nur ein Diplom zu bekommen, das man einem potentiellen Arbeitgeber unter die Nase halten kann. Die Studenten weigern sich ja schon fast, Sachverhalte kritisch zu hinterfragen. Und das finde ich schon fast am schlimmsten.

Kategorie: Alltag, Gesellschaft, Politik
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