Das große Fressen, Teil 1

18.06.2015 cleaulem

lebensmittel

Wer kennt das nicht? Man mistet mal wieder den Kühlschrank aus und findet im hintersten Eck eine angebrochene Packung Wurst. Oh je, die sieht aber gar nicht mehr gut aus, also muss man sie leider wegwerfen. Ich persönlich finde es immer sehr schade, Lebensmittel wegwerfen zu müssen und ich habe dabei auch immer ein schlechtes Gewissen. Ich ärgere mich dann über mich selbst, dass ich es zugelassen habe, dass diese Lebensmittel schlecht werden.

Wenn ich mich dann aber umschaue, dann bekomme ich den Eindruck, dass ich mit diesen Skrupel doch sehr alleine bin. Denn was ich fast tagtäglich an Lebensmittelverschwendung allein in meiner direkten Umgebung beobachten muss, macht mich immer wieder unfassbar wütend.

Seit einigen Jahren beobachte ich ein Phänomen, das immer schlimmere Formen annimmt. Die Leute gehen in den Supermarkt, legen etwas in den Einkaufswagen und kommen irgendwann auf die Idee, dass sie es dann doch nicht wollen. Doch anstatt es wieder an seinen Platz zurück ins Regal zu stellen, wird es einfach so ins nächstbeste Regal gelegt. Es ist so schon ärgerlich genug, wenn es Lebensmittel sind, die nicht gekühlt werden müssen. Dann kann man diese eventuell noch in ihr Regal zurücklegen und jemand anderes kann es noch kaufen. Aber ich beobachte auch oft, dass mit verderblichen Lebensmittel ebenso umgegangen wird. Das bedeutet, dass diese auf jeden Fall in den Müll wandern, da die Kühlkette unterbrochen wurde und diese Lebensmittel so nicht mehr verkauft werden können.

Diese unfassbare Rücksichtslosigkeit und Ignoranz ärgert mich immer wieder. Interessant daran ist, dass ich dieses Verhalten erst seit einigen Jahren beobachte. Früher haben die Leute so etwas nicht gemacht, oder nur sehr selten. Heutzutage nimmt das aber teilweise Ausmaße an, dass ich an keinem einzigen Regal mehr vorbeilaufen kann, ohne dass nicht irgendwo etwas drin liegt, das dort gar nicht hingehört. Man könnte meinen, dass ich jetzt irgendwie in dieser Richtung hypersensibel bin und so etwas einfach nur mehr wahrnehme. Doch habe ich vor ungefähr einem Jahrzehnt als Regaleinräumer in einem Supermarkt gejobbt und mir kam so etwas so gut wie nie vor. Es ist nicht so, dass ich mich einfach nicht mehr erinnern könnte. Das gab es einfach nicht! Ich hätte mich schon früher sehr über ein solches Verhalten geärgert.

Wenn die Verpackung nicht mehr schön ist

Ein anderes Erlebnis. Kürzlich habe ich Nudeln gekauft. Auf einer Packung hatte ich im Einkaufswagen ein Tiefkühlgericht abgelegt, so dass die Packungsfolie wohl einen Schaden von der Kälte genommen hatte und eingerissen war. Das ist mir erst an der Kasse aufgefallen. Es waren keine Nudeln herausgefallen und es war auch nichts drangekommen, so dass ich keinen Grund gesehen habe, die Nudelpackung nicht doch mitzunehmen. An der Kasse habe ich dann der Kassiererin bescheid gesagt, dass die Packung einen Schaden hat, damit sie beim Drüberziehen aufpasst. Dabei war ihre Reaktion sehr erstaunlich: Sie war davon ausgegangen, dass ich die Packung nicht mehr haben wollte. Als ich ihr sagte, dass ich sie aber doch noch kaufen wollte, war sie sehr überrascht. Das bedeutet, dass die normale Reaktion von Kunden bei so etwas ist, dass sie eine solche Packung nicht mehr haben wollen.

Ich beobachte das immer wieder, dass die Leute Packungen, die eine Delle oder einen Detschen haben, einfach liegenlassen, obwohl die Ware darin einwandfrei ist. Seien es Konservendosen oder Tuben oder ähnliches. Dabei ist der Inhalt darin noch vollkommen in Ordnung. In den meisten Fällen werden solche Packungen aber nicht gekauft und landen schließlich im Müll. Ich habe mir deshalb angewöhnt, gerade solche leicht eingedellte Verpackungen zu kaufen, solange der Inhalt noch einwandfrei ist. Der Anspruch, dass alles ja unbeschädigt und makellos zu sein hat, ist in meinen Augen schon irgendwie krank.

Ein weiteres Erlebnis trieb mir indessen fast die Tränen in die Augen. Ich war im Supermarkt einkaufen und die dortigen Kühlregale waren ausgefallen. Ich musste mir ansehen, wie eine Kollone von Mitarbeitern nach und nach alle Kühlregale ausgeräumt haben, da die Waren nicht mehr zu verkaufen waren. Es müssen mehrere Tonnen Lebensmittel gewesen sein, die einwandfrei waren, die man so aber nicht mehr an den Mann bringen konnte und sie so entsorgte. Bei alldem muss man sich einmal vor Augen halten, was alles nötig ist, um solche Mengen an Lebensmittel zu produzieren. Wie viele Ressourcen dafür verwendet wurden. Wie viele Tiere für die Unmengen an Fleisch ihr Leben lassen mussten, nur um dann im Abfall zu landen. Es ist einfach nur fürchterlich.

Die Ignoranz der Kunden

Doch es gibt nicht wirklich das Bestreben, diesen Zustand zu ändern. Die Kunden interessiert dies nicht. Sie verschwenden selbst Unmengen an Lebensmittel. Die Packungen aus dem Kühlregal, die achtlos in irgendwelchen Regalen abgelegt werden und im Müll landen, sind dabei nur die Spitze des Eisberges. Man mag sich nicht vorstellen, wie viel Essen in den Haushalten selbst achtlos weggeworfen wird, einfach nur weil man sie nicht mehr mag. Vieles davon könnte man noch essen. Aber es ist den „feinen Herrschaften“ nicht mehr gut genug. Ich hörte mal, wie eine gut situierte Familie damit prahlte, dass sie geöffnete Wurstpackungen nach einem Tag wegwarfen, ungeachtet dessen, wie viel Wurst noch in der Packung war und dass diese unmöglich verdorben sein konnte. Es war für diese Familie ein Zeichen von Wohlstand, dass man Lebensmittel verschwenden konnte. Schließlich hat man’s ja. Diese Attitüde zieht sich in diesem Land durch alle Schichten, auch bei den weniger gut gestellten.

In nur wenigen Ländern sind Lebensmittel so billig wie in Deutschland. Und dies fördert die Verschwendung. Nach einer WWF-Studie werden in Deutschland im Jahr rund 18,4 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Das ist fast eine Vierteltonne pro Einwohner, über 200 Kilogramm! Und Deutschland steht nicht alleine da. Wie ich schon in meinem Netzticker geschrieben habe, hat Frankreich erst kürzlich ein Gesetz beschlossen, nach dem Supermärkte zukünftig keine unverdorbenen Lebensmittel mehr wegwerfen dürfen. Ein solches Gesetz wäre in Deutschland auch sinnvoll. Wie gesagt habe ich mal in einem Supermarkt gearbeitet und dort auch erlebt, wie einwandfreie und unverdorbene Lebensmittel aus geradezu nichtigen Gründen weggeworfen wurden.

Der Welthunger

In dem Spiegelartikel steht auch eine sehr interessante Zahl:

Von den sieben Milliarden Menschen auf der Welt hungert täglich rund eine Milliarde. Gleichzeitig würde die globale Lebensmittelproduktion theoretisch ausreichen, um nicht nur sieben, sondern neun, zehn oder gar zwölf Milliarden Menschen satt zu machen.

Das interessante daran ist nämlich, dass schon lange bekannt ist, dass der Welthunger kein Produktions-, sondern ein Verteilungsproblem ist. Ich habe darüber in meinem Netzticker ebenfalls schon mal etwas geschrieben. Es wird immer wieder davon geredet, dass man Methoden finden müsse, um die Landwirtschaft in den von Hunger betroffenen Gebieten effizienter zu machen, damit sich die Leute dort selbst ernähren könnten. Doch ist es tatsächlich nicht so, dass es in den meisten Gebieten, in denen Hungersnöte herrschen, nicht genügend Nahrung vorhanden wäre. Die Menschen haben schlicht und ergreifend nicht genug Geld, um sich Lebensmittel zu kaufen.

Ich kann Jan Fleischhauer nicht besonders gut leiden. Und das ist noch nett ausgedrückt. Der Schwachsinn, den er in seiner SPON-Kolumne von sich gibt, ist nichts für schwache Nerven. So gibt er in seinem neuesten Erguss wieder eklatanten Blödsinn von sich:

Tatsächlich liegt die einzige Hoffnung, die viele Menschen am Existenzminimum auf Besserung ihrer Lebensumstände haben, in der Entwicklung von Pflanzen, die auf Böden gedeihen, die für den Ackerbau ungeeignet erscheinen, und die so robust sind, dass sie auch mit wenig Pflege auskommen.

Für den Goldenen Reis ist die Sache trotzdem gelaufen. Da können Ernährungswissenschaftler noch so oft darauf hinweisen, dass man den Hunger in der Dritten Welt nur wirksam bekämpfen kann, wenn man Grundnahrungsmittel so anreichert, dass sie für die Armen genug Vitamine und Nährstoffe enthalten. Wenn es um Genfood geht, sind uns die hungernden Kinder in Indien herzlich egal. Vom deutschen Boden wird nie wieder ein grüner Gentest ausgehen.

Man kann Unsinn so oft wiederholen wie man möchte, er wird dadurch nicht wahrer. Der Goldene Reis kommt mitnichten den Hungernden in der Dritten Welt zugute. Er kommt vor allen Dingen den Saatgutproduzenten zugute, die zu horrenden Preisen an die lokalen Bauern verkaufen. So wird das Essen für die Armen nicht wirklich erschwinglicher, denn die Bauern müssen den Reis schließlich recht teuer verkaufen, um die hohen Preise für das Saatgut wieder reinzuholen. Und ich fresse ehrlich gesagt einen Besen, wenn die Saatgutproduzenten, die ja schließlich viel Geld in die Entwicklung und die Patentierung dieses Wunderreises gesteckt haben, da auf ihren dicken Reibach verzichten würden.

Aber so ist er nun mal, unser Fleischhauer. Er muss ja einen auf „konservativ“ machen, weil er einen Elternkomplex hat und deshalb alles hasst, was nach „sozialdemokratisch“ und „grün“ aussieht. So spricht er sich also in seiner Kolumne für die Gentechnik aus, verteidigt woanders das Fracking und schreit nach einer deutschen Maggie Thatcher, die die Macht der bösen Gewerkschaften in Deutschland bricht. Denn Gewerkschaften sind ja etwas „sozialdemokratisches“ und somit böse.

Kurz und gut: Die Argumentation, dass man den Welthunger nur durch effizientere Landwirtschaft bekämpfen könne, ist schlicht und ergreifend falsch. Schon jetzt werden genug Lebensmittel produziert, um die Menschheit fast zweimal zu ernähren. Es ist schlicht die Verteilung, die schiefläuft. Und die Verschwendung von Lebensmitteln in den Industrieländern. Das Problem ist dabei der Weltmarkt, der sich ja nach dem richtet, was den meisten Profit verspricht. Und es ist einfach rentabler, die ganzen Lebensmittel in den kaufkräftigen Industrieländern zu verkaufen, wo sie dann weggeworfen und verschwendet werden, als in die nicht so kaufkräftigen Entwicklungsländer, wo sie dringender gebraucht würden. Dem Produzenten kann es schließlich egal sein, was hinterher mit der Ware geschieht, seinen Profit bekommt er so oder so.

Fortsetzung folgt

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