Das große Fressen, Teil 2

26.06.2015 cleaulem

kohldampf

Im ersten Teil dieses Beitrages habe ich das Problem der Lebensmittelverschwendung in unserer Gesellschaft geschrieben. Wie wir tonnenweise Lebensmittel wegwerfen, die eigentlich noch genießbar sind. Ich habe auch darüber geschrieben, dass der Hunger in der Welt kein Produktions-, sondern ein Verteilungsproblem ist. Doch mit diesen Aspekten ist meine Sicht auf die Schieflage in unserer Gesellschaft, was den Umgang mit Lebensmitteln angeht, noch nicht vollkommen dargelegt.

Ein weiteres Problem, das unsere Gesellschaft sehr akut trifft, ist der Konsum von Lebensmittel, die nicht weggeworfen werden. Also all jenes Essen, das in unseren Mägen landet. Kurz und gut: Wir essen zu viel.

Vor drei Monaten fing ich an, abzunehmen. Ich wog damals 125 Kilo, war also schon weit im adipösen Bereich. Ich hatte nie den Eindruck, besonders viel zu essen, doch ich sollte schon bald eines besseren belehrt werden. Meine Methode um abzunehmen: jeden einzelnen Bissen mindestens vierzig Mal kauen. So stelle ich sicher, dass ich langsamer esse, so dass ich mit weniger Essen im Magen ein Sättigungsgefühl bekomme. Dadurch esse ich insgesamt weniger (da eine derart langsam zu sich genommene Mahlzeit auch länger vorhält) und nehme auf lange Sicht so ab. Auf diese Weise habe ich in diesen drei Monaten, in denen ich so verfahre, bereits 12 Kilo abgenommen. Ich weiß, dass ich noch einen langen Weg vor mir habe, aber ich habe schon viel geschafft.

Auf jeden Fall hat diese Umstellung meiner Ernährung einen interessanten Nebeneffekt: Ich verzichte seitdem fast vollkommen auf Nebenmahlzeiten. Ich esse sehr viel bewusster und habe auch gar keine Lust mehr auf etwas süßes zwischendurch. Selbst wenn mir jemand etwas anbietet, lehne ich es oft ab oder ich muss mich geradezu überwinden, etwas süßes zu essen. Ich habe einfach keine Lust mehr darauf.

Wieso erwähne ich das alles hier? Was haben meine individuellen Ernährungsgewohnheiten mit einer gesellschaftlichen Schieflage zu tun? Nun, seit ich mich so ernähre, fällt mir immer, wenn ich im Supermarkt einkaufe, die unglaubliche Fülle an Essen auf, die nur darauf wartet, von den Kunden konsumiert zu werden. Und da sind es vor allem die Süßigkeiten, die mir besonders ins Auge stechen. Da gibt es ganze Regale nur mit Schokolade, Keksen, Gebäck und Bonbons. Herunterspülen kann man das alles mit Hektolitern an Cola, Eistees und Limos, die man dort ebenfalls kaufen kann. Als ich mir das alles betrachtet habe, fragte ich mich: Wer soll das alles essen? Und dieser ganze Kram findet seine Käufer.

Versteht mich nicht falsch. Ich will nicht, dass alle Menschen nur noch Gemüse essen. Ich esse selbst heute noch ab und zu ganz gerne ein Stück Schokolade oder trinke eine Flasche Cola (auch wenn ich dabei fast immer die zuckerfreie nehme). Ich bin nicht der Meinung, dass man verzichten soll. Darum geht es nicht. Verzicht ist nichts gutes, das ist etwas negatives. Nur weil ich jetzt weniger Schnuckelkram esse, meine ich nicht, dass ich auf etwas verzichten würde. Ich esse immer noch, worauf ich Lust habe und was mir gut schmeckt. Ich zwinge mich nur dazu, es mehr zu genießen und es nicht besinnungslos in mich hineinzuschaufeln.

Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Man muss sich nur die Supermärkte anschauen, die mit lauter Lebensmitteln vollgestopft sind. Die Menschen werden immer dicker. In den USA ist schon ein Drittel der Bevölkerung fettleibig. Damit ist nicht gemeint, dass sie einfach nur ein bisschen zu viel auf den Rippen haben. Das haben da noch viel mehr. Nein, ein Drittel der Amerikaner ist adipös und FETT! Und in Deutschland entwickelt es sich auch immer mehr in dieser Richtung. Wenn ich mich umschaue, dann fällt mir immer mehr auf, wie viele Menschen um mich herum übergewichtig, wenn nicht sogar adipös sind.

Es ist sogar schon so weit gekommen, dass einem das Übergewicht bei anderen gar nicht mehr auffällt. Es ist einfach normal geworden. Übergewichtige werden schon als normal angesehen, obwohl sie medizinisch gesehen weit über dem Idealgewicht sind. In diesem Zusammenhang kann ich nur das Buch „Fettlogik überwinden“ und das dazugehörende Blog empfehlen. Die Autorin hat mir in einiger Hinsicht die Augen geöffnet und auch ich habe dadurch einige meiner Einstellungen überdacht.

Wir fressen uns kaputt

In unserem Land leben ganze Industrien davon, dass sich die Menschen ungesund ernähren. Sie sind darauf angewiesen, dass sich die Leute bergeweise mit Süßigkeiten vollstopfen, ohne auf die möglichen gesundheitlichen Folgen zu achten. Schon früher, als ich noch nicht auf meine Ernährung geachtet habe, habe ich mich nicht dermaßen mit Zucker vollgestopft wie ich es schon bei anderen beobachtet habe. Würden all diese Menschen von einem Tag auf den anderen ihre Ernährung so umstellen wie ich, würde die deutsche Nahrungsmittelbranche in eine existentielle Krise gestürzt.

Man kann heutzutage beobachten, wie die großen Firmen mit immer ausgefeilteren, raffinierteren Produkten versuchen, um die Gunst der Kundschaft zu buhlen. Da gibt es dann von einem Schokoriegel eine neue Sorte mit weißer Schokolade. Oder es wird eine Variante eines Konfekts auf den Markt geworfen, das mit einer Nougatcreme gefüllt ist. All diese Raffinessen machen die Produkte nur unnötig teuer und spülen den Konzernen Milliarden in die Kassen. Und diese Süßigkeiten sind durch die raffinierte Herstellung sogar noch ungesünder.

Zucker an sich ist schon ungesund. Bei meiner neuen Ernährung muss ich darauf achten, möglichst wenig Zucker zu mir zu nehmen. Ernährungsbiologisch gesehen ist dies auch logisch, denn Kristallzucker kommt in der Natur nicht vor. Es kann nur durch künstliche Verfahren hergestellt werden. Unser Organismus ist nicht darauf ausgelegt, Zucker in großen Mengen zu verarbeiten. Deshalb kriegen auch immer mehr Menschen in den Industrienationen Diabetes.

Es ist also nicht nur der allzu sorglose Umgang mit Lebensmitteln, sondern auch die tatsächlich konsumierte Menge, die den Schluss zulässt, dass wir über unsere Verhältnisse leben. Wir essen insgesamt zu viel. Würden die Supermärkte nur die tatsächlich „benötigten“ Lebensmittel im Sortiment führen, also nur die Lebensmittel, die die Menschen tatsächlich brauchen, um sich gesund zu ernähren und die nicht achtlos weggeworfen werden, dann wären die Supermärkte geradezu leergefegt.

Das Problem dabei ist aber, dass ein Umdenken nur sehr schwer zu erreichen sein wird. Unser Lebensstil wird geradezu als alternativlos dargestellt. Überfluss ist ein Zeichen von Wohlstand. Der sorglose Umgang mit Lebensmitteln ist ein Zeichen von Wohlstand. Es wird geradezu als gutes Recht angesehen, angesichts der wirtschaftlichen Leistung einen solchen hedonistischen Lebensstil zu führen. Dass dieser uns aber krank macht und dass andere dafür elendigen Hunger leiden müssen, wird dabei gerne übersehen.

Kategorie: Alltag, Dummheit, Ernährung, Gesellschaft
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