Null Ahnung, aber eine große Klappe

28.06.2015 cleaulem

nichtmeinproblem

Wenn ich mich mit anderen Menschen unterhalte, fällt mir sehr oft eine Sache auf, die mich immer fürchterlich ärgert: Wenn diese Menschen eine Meinung zu irgendetwas haben, ohne selbst davon betroffen zu sein und deshalb keine Ahnung haben, wovon sie da überhaupt reden. Man ist schnell bei der Hand mit einer vorgefertigten Meinung.

Ein Beispiel: Ein Freund von mir hat einen Bekannten, der in der Jungen Union ist. Der ist selbstverständlich gegen den Mindestlohn, da dieser ja der Wirtschaft schade. Er selbst hat einen Beruf, in dem er deutlich mehr als den Mindestlohn verdient, so dass er keine Ahnung davon hat, was es heißt, nicht genug zum Leben zu verdienen. Trotzdem reißt er die Klappe auf und verkündet seine vorgefertigte Meinung.

Dies ist ja insofern symptomatisch, als dass er in der Jungen Union ist. Der durchschnittliche CDU-Wähler ist ja eher jemand, der in „soliden Verhältnissen“ lebt und deshalb nicht wirklich weiß, wie es ist, wenn man es schwer hat. Deshalb kann er sich überhaupt nicht vorstellen, dass man es schwer haben kann, wenn man eben nicht genug Geld verdient, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Letztens hatte ich mit einem Typen zu tun, auf den dies auch zutraf. Er kommt aus Bayern und ist wohl in einer recht wohlhabenden Familie aufgewachsen (ich würde mal auf Handwerkervater tippen). Er besitzt ein Mac Book Pro und ein iPhone, also recht teures Spielzeug. Und er hat mal drei Semester Jura studiert, was er aber abgebrochen hat. Denn er ist dumm wie Brot. Das zeigt sich auch in seinem recht kleinen Horizont u.a. darin, dass er auch gegen den Mindestlohn ist. Wie kommt er eigentlich darauf? Er ist in Verhältnissen aufgewachsen, in denen er es nie schwer hatte. Er geht zwar arbeiten, aber wahrscheinlich auch nur, um seine Partys am Wochenende zu finanzieren. Der Mindestlohn betrifft ihn nicht, aber er hat eine feste Meinung dazu und ist kategorisch dagegen.

Ignoranz

Das Problem ist einfach die unglaubliche Ignoranz der Menschen. Sie schauen einfach nicht über ihren Tellerrand. Ihre Welt ist so unglaublich klein, dass sie nicht mal die andere Straßenseite wahrnehmen. Und für sie existiert nichts außerhalb ihrer Welt. Da stellen sich Leute hin, die weitaus mehr als den Mindestlohn verdienen und meckern rum, er würde die Wirtschaft ruinieren. Warum verdienen sie dann selbst so viel?

Wenn sie konsequent wären, würden sie selbst auch auf ihren Lohn verzichten, weil der ja auch der Wirtschaft Ressourcen wegnimmt. Wie bitte? Das wäre ja ungerecht, weil sie ja so hart arbeiten? So ausgedrückt arbeiten diejenigen, die bisher weniger als 8,50 Euro die Stunde verdient haben, also nicht hart. Das ist schon eine steile These.

Ich will mich hier nicht auf den Mindestlohn versteifen. Es ist einfach nur ein gutes Beispiel. Der Junge Union-Anhänger sagt auch, dass die Fluglärmgegner der Wirtschaft schaden. Ich verwette meinen Arsch, dass er nicht mal in der Nähe einer Einflugschneise wohnt. Sonst würde er nicht so einen Blödsinn reden.

Von oben herab

Interessanterweise kommt diese Ignoranz vor allem aus den Reihen derer, denen es besser geht. Gerade diejenigen, die überhaupt keine Ahnung von dem haben, was sie da reden. Als Thilo Sarrazin noch Innensenator von Berlin war, vertrat er die Position, dass der damals aktuelle Hartz IV-Satz vollkommen ausreichend sei. Er versuchte dies zu belegen, indem er angab, dass er selbst eine Woche lang seine Ausgaben von dem Wochensatz eines Hartz IV-Empfängers bestritten habe.

Diese Sache hat nur ein Paar Haken. Zunächst einmal ist Sarrazin ein Spitzenverdiener. Er muss sich keine Sorgen machen, ob das Geld für sein Essen noch über das Wochenende ausreicht. So gesehen ist seine Aussage so schon von oben herab geäußert worden. Er hat bereits seine vorgefertigte Meinung. Das bedeutet, dass er mit einer gewissen Erwartungshaltung an die ganze Sache herangegangen ist. Er wollte eben beweisen, dass diese geringe Summe ausreichend ist.

Außerdem muss man bedenken, dass dieses „Experiment“ nur über einen recht kurzen Zeitraum ging. Er war davor schon gut genährt, hatte also nicht mit eventuellen Mangelerscheinungen zu kämpfen. Und er wusste ganz genau, dass er danach seinen guten Lebensstil weiter pflegen können würde. Da war der Leidensdruck natürlich sehr viel geringer als bei jemandem, der mit der Aussicht leben muss, über Jahre so zu leben. Für Sarrazin war das eher wie ein Abenteuerurlaub. Aber daraus leitete er direkt ab, was anderen Menschen, denen es weniger gut geht als ihm, zumutbar ist und was nicht.

Das ist es doch. Der Mindestlohn wird von denen bekämpft, die nicht auf ihn angewiesen sind. Der Hartz IV-Satz wird von denen als ausreichend angesehen, die nicht darauf angewiesen sind, davon ihr ganzes Essen und ihre ganze Kleidung zu kaufen. Die Fluglärmgegner werden von denen kritisiert, die nicht mal in der Nähe eines Flughafens wohnen. Dabei haben all diese Menschen doch gar nicht das Recht, dabei mitzureden, weil sie davon nicht direkt betroffen sind.

Ich rede hier ausdrücklich von den Leuten, die eben nicht davon betroffen sind. Also z.B. nicht von einem Firmeneigentümer, der auf Niedriglohnkräfte angewiesen ist, um seinen Betrieb kostendeckend führen zu können (wobei ich auch da skeptisch bin, ob dieses Argument überhaupt plausibel ist). Die meisten, die ihr Maul aufreißen, haben nämlich überhaupt keine Beziehung zu dem Thema, um das es da geht. Aber Hauptsache, eine Meinung haben, die in ihr winziges Weltbild passt.

Es ist kein Wunder, dass so viele in diesem Land die CDU wählen, die Partei der Alternativlosigkeit, in der nichts hinterfragt wird. Die Partei des geistigen Stillstands, solange alles so läuft, wie es einem am besten passt. Hauptsache, es geht einem selbst gut. Über den Tellerrand schauen würde nämlich bedeuten, dass einem die Widersprüchlichkeit der eigenen Existenz bewusst würde. Das geht doch nicht!1!!

Meinungsbildung

Eine vorgefertigte Meinung kann gefährlich sein, weil man sich mit dem Thema nicht wirklich auseinandersetzt. Ich persönlich gestehe mir zu, zu gewissen Themen überhaupt keine Meinung zu haben, weil ich mich noch nicht ausreichend darüber informiert habe. Ich kommuniziere dies auch offen. Ich haue keine Parolen raus, nur weil die in ein vorgefertigtes Weltbild, das ich mir zurechtgelegt habe, passen. Ich bin mir bewusst, dass wir in einer Welt leben, die nicht aus Schwarz und Weiß besteht, sonder eher in vielen Grautönen abgestuft ist. Ich versuche deshalb, die Argumente beider Seiten zu berücksichtigen.

Ein interessanter Text steht dazu in Fefes Blog. Man kann von Fefe halten was man will, er ist ein streitbarer Charakter. Ich persönlich bin nicht in allem seiner Meinung, aber in recht vielem. Und es kommt mir vor, dass gerade diejenigen ihn am schärfsten kritisieren, die selbst ein winziges schablonenhaftes Weltbild haben. Auf jeden Fall betont er immer, wie wichtig es ist, sich eine eigene Meinung zu bilden und nicht alles zu glauben, was andere einem vorkauen.

Man kann also getrost Dieter Nuhr zitieren, der mal sagte:

Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!

« - »

Ein Kommentar»»

  1. Die Meinungen zum Mindestlohn sind immer noch sehr unterschiedlich. Aus meiner Sicht ist jedoch das ganze ein ganz wichtiger Schritt in die richtige Richtung und ich kann nur hoffen, dass sich auch in Zukunft in diesem Bereich noch einiges ändert und das ganze Thema jetzt nicht als erledigt betrachtet wird. Menschen müssen endlich wieder von ihrem Geld leben können.

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag- Trackback

Schreibe einen Kommentar!

Folgende HTML-Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> .

%d Bloggern gefällt das: