Je suis Homo-Ehe

30.06.2015 cleaulem

regenbogen

Seit einigen Tagen habe ich auf Facebook eine Veränderung feststellen können. Mehrere meiner Freunde haben ihre Profilbilder geändert. Na ja, sie haben es weniger geändert als es modifiziert. Denn nun erleuchten ihre alten Profilbilder in den Farben des Regenbogens. Unter facebook.com/celebratepride kann man nämlich sein Profilbild derart buntig anpassen.

Der Anlass dazu ist das neuliche Urteil des Obersten Gerichtshofes der USA, das die Ehe für Homosexuelle in allen Bundesstaaten legalisiert. Somit ist ein wichtiger Schritt für die Gleichstellung aller sexuellen Orientierungen geschaffen. Doch ich muss ehrlich sagen: Dieses Zurschaustellen von „Solidarität“ geht mir ehrlich gesagt auf die Nerven.

Ich will damit nicht sagen, dass ich dieses Gerichtsurteil nicht gutheißen würde oder dass ich der Meinung bin, dass Homosexuelle nicht heiraten dürfen sollten. Doch habe ich aus mehreren Gründen ein Problem damit, ein solches Zeichen der Solidarität öffentlich zur Schau zu stellen.

Zunächst einmal bin ich von diesem Urteil nicht persönlich betroffen. Dadurch ändert sich in meinem Leben rein gar nichts. Ich bin nicht homosexuell und ich habe auch keine engeren Freunde, die es sind. Wahrscheinlich wäre ich in gewissen „progressiven“ Kreisen schon ein Homophober, doch das stimmt nicht. Ich habe homosexuelle Bekannte, mit denen ich nur nicht näher befreundet bin. Auf jeden Fall sehe ich deshalb keinen Anlass, mich über das Urteil übermäßig zu freuen. Es ist ein wichtiger Schritt, das sehe ich auch so. Aber für mich persönlich hat es einfach nicht die Tragweite.

Zum Anderen wurde dieses Urteil in den USA gesprochen. Ich bin kein Amerikaner, ich war noch nicht einmal in den USA. Insofern hat diese Geschichte ein wenig vom sprichwörtlichen Sack Reis, der in China umfällt. Selbstverständlich hat dieses Urteil auch eine gewisse Signalwirkung auf andere Länder, in denen die Homo-Ehe noch nicht legalisiert ist, so wie in Deutschland. Aber für mich ist es trotzdem weniger relevant als wenn das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ein entsprechendes Urteil fällen würde.

Das bedeutet nicht, dass mir diese ganze Geschichte egal wäre, dass ich sie nicht interessiert in den Medien verfolgen würde. Es ist einfach nur so, dass ich es persönlich als eine Anmaßung empfände, wenn ich ganz plötzlich aus dem Nichts heraus einen Aktivisten für die Gleichstellung von Homosexuellen nach außen darstellen würde, der ich gar nicht bin. Ich habe mich nie aktiv für die Rechte Homosexueller eingesetzt, auch wenn ich absolut für ihre Gleichstellung bin. Aber es würde sich einfach falsch anfühlen, wenn ich mich jetzt hinstellen würde und die „Freude“ über dieses Gerichtsurteil in einem anderen Land so zur Schau stellen würde, ohne wirklich etwas mit dem Thema zu tun zu haben.

Es war nie einfacher, Solidarität zu zeigen

jesuischarlie

Der Hauptgrund, warum ich mich dieser Welle der Solidaritätsbekundung verweigere, ist das Ausmaß, mit der solche „Hypes“ heutzutage um sich greifen. Es war schon im Januar so, als das Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo die Welt erschütterte. Die Grafik mit dem Schriftzug „Je suis Charlie“ ging um die Welt und wurde von allen möglichen Leuten genutzt, um ihre Solidarität zu bekunden. Ganz gleich, dass die meisten dieser Leute vorher nicht einmal von der Existenz dieser Zeitschrift wussten. Ganz gleich, dass sie sich davor noch nie aktiv für die Pressefreiheit eingesetzt haben. Ganz gleich, dass sie nicht einmal persönlich betroffen sind, keine Journalisten sind oder auch nicht persönlich mit involvierten Personen bekannt waren. Sogar eine Bekannte hatte damals ihr Profilbild auf Facebook mit der „Je suis Charlie“-Grafik ersetzt. Sie hat dabei absolut nichts mit dem Pressewesen zu schaffen.

Dadurch wird die Solidarität beliebig. Jeder kann seine Solidarität bekunden, mit nur einem einzigen Knopfdruck. Es kostet keine Mühe mehr. Und die Solidarität wird kurzlebiger, weniger nachhaltig. Nach dem Attentat von Paris gab es einen regelrechten Solidaritätshype, der schließlich genauso schnell wieder verschwand wie er gekommen war. Die Sau war durchs Dorf getrieben, man konnte sich einem anderen spannenderen Thema widmen. Und heute denkt kaum noch einer von den ach so solidarischen Seelen auch nur eine Sekunde an dieses Attentat.

Ich will die Solidarität an sich nicht schlecht machen. Es ist wichtig, seine Unterstützung zu bekunden, um den Betroffenen Mut zu machen und ein Signal zu setzen. Doch finde ich die heute so oft zur Schau gestellte Solidarität in den meisten Fällen nicht überzeugend. Und ich weiß genau, dass in spätestens zwei Wochen kein Hahn mehr nach dieser Geschichte krähen wird, wenn die nächste Sau auf dem Dorfplatz steht und auf den Wutzentrieb wartet.

Das Internet mit seinen Möglichkeiten hat die Kommunikation beschleunigt und vereinfacht. Doch dadurch wurde die Kommunikation auch weniger intensiv. Es ist einfach, ein Like zu setzen, ein Bild zu posten oder irgendwie anders seine Solidarität zu bekunden. Man muss nicht mal besonders darüber nachdenken, was man denn nun da unterstützt. So kann jeder mitmachen und sich als Teil von etwas größerem fühlen.

Wenn einem eine Sache wichtig ist, dann ist es absolut legitim, sich dafür einzusetzen und seine Solidarität zu bekunden. Wenn man persönlich betroffen ist, dann soll man dies auch zeigen. Doch wenn man sich nur dann äußert, weil es gerade der Hype ist und man zeigen will, dass man dazu gehört, dann fehlt mir da die Glaubwürdigkeit. Man setzt einfach nur ein Statement, ohne wirklich dahinter zu stehen. Und nach einer gewissen Zeit interessiert es einen einfach nicht mehr, auch wenn es trotzdem Menschen gibt, die für immer davon betroffen sein werden, seien es zum Beispiel die Angehörigen der Redakteure von Charlie Hebdo, die im Januar in Paris erschossen wurden oder die Homosexuellen in den USA, die endlich ihren Lebenspartner heiraten dürfen.

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