Eine Gesellschaft der Angst

24.07.2015 cleaulem

spielplatz

In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich? Da kann nicht mal mehr ein Vater mit seiner Tochter alleine auf die Straße, ohne als Kinderschänder tätlich angegriffen zu werden. Und es wird grundsätzlich ein Problem darin gesehen, wenn Eltern ihre Kinder nackt spielen lassen. Wie weit muss diese Hysterie denn noch gehen?

Vor allem der Artikel in der Zeit beleuchtet das Problem sehr gut. Bei allem wird stets danach geschaut, welche Gefahren auf die Kinder lauern. Demnach leben wir in einer Welt voller Bedrohungen, in der hinter jeder Ecke Perverse lauern, die nur darauf warten, ein argloses Kind nackt zu fotografieren und sich dann an den Bildern zu vergnügen.

„Unsere Kinder sind uns heilig“, sagt Furedi, „die Kehrseite ist: Wir sehen sie ständig bedroht.“ Die Eingriffe in die kindliche Freiheit hätten in den letzten Jahren hysterische Züge angenommen. „Immer mit dem Hinweis, die Gesundheit des Kindes sei in Gefahr.“

Oh ja, diese Hysterie beobachte ich auch immer mehr. Vor allem Helikoptereltern kann ich immer wieder beobachten, die alle möglichen Gefahren von ihren Kindern abhalten möchten. Andererseits lassen sie ihre Kinder alle möglichen Unarten durchgehen, die sie sogar in eine reale Gefahr bringen könnten. Aber wehe, man nähert sich ihren Kindern auf mehr als zehn Meter. Dann ist man ein böser Kinderschänder, der sich ganz bestimmt an den Kleinen vergreifen will.

Wir erlebten einen neuen Puritanismus, sagt er, ausgelöst von der Übersexualisierung: Das Internet sei voll mit nackten Körpern, Pornos seien jederzeit abrufbar. Damit komme es auch zu einer Übersexualisierung unserer Kinder – der Körper einer Zweijährigen werde unter dem gleichen Blickwinkel betrachtet wie der einer 15-Jährigen und müsse folglich bedeckt sein. „Erwachsene wenden ihre eigenen sexuellen Normen auf Kinder an, und plötzlich bekommt etwa das kindliche Doktorspiel eine sexuelle Konnotation, die es gar nicht hat.“ Zugleich setze sich immer mehr der Verdacht durch, Pädophile seien überall. „In unserer Vorstellung lauern sie hinter jeder Ecke – das verkennt die Realität bei Weitem.“ Es gibt nicht mehr Fälle von Kindesmissbrauch, wir haben nur mehr Angst davor.

Den ganzen Absatz kann ich nur unterschreiben. Es gibt nicht mehr Fälle von Kindesmissbrauch als früher. Und trotzdem tut man so, als wäre heutzutage jeder Mann ein potentieller Pädophiler. Das ist nicht mal übertrieben. So wird in demselben Artikel der Fall eines jungen Mannes beschrieben, der ein Praktikum als Erzieher in einem Kinderladen absolvierte und dem fast sofort von einer Mutter vorgeworfen wurde, er hätte ihre Tochter geküsst.

Die Erzieherinnen konnten sich den Vorwurf nicht erklären, weil der Praktikant mit dem Mädchen gar nicht allein gewesen war und niemand einen Kuss beobachtet hatte. Er hatte die Kleine lediglich auf den Schultern zur Kita zurückgetragen, weil sie nicht mehr laufen wollte. Dennoch musste sofort der Vorstand der Kita einberufen und der Dachverband der Kitas informiert werden. Über Wochen herrschte Ausnahmezustand.

Schließlich stellten sich die Vorwürfe als unbegründet heraus. Eine Überreaktion der Mutter, nachdem diese der Tochter Suggestivfragen gestellt hatte. Doch ist dies symptomatisch für die heutzutage zunehmende Hysterie.

David, der Sohn einer Bekannten, hat gerade seine fünfjährige Ausbildung zum Heilerzieher abgeschlossen. Er ist ein groß gewachsener 23-Jähriger, den Kinder lieben, weil man mit ihm so gut toben kann und auf seinen Schultern so hoch oben sitzt. Er erzählte mir, wie sehr ihn dieses Misstrauen zeitweise gehemmt hat. „Darf ich das Kind überhaupt auf den Schoß nehmen?“, fragte er sich. „Wenn der Junge so vor mir steht und an meinem Hosenbein zieht, ist er dann nicht verdächtig nah an meinem Unterleib?“ Als Reaktion darauf mied er zunehmend den Körperkontakt zu den Kindern – was die natürlich nicht verstanden und was auch seinen Ausbildern auffiel. Es hat lange Gespräche gebraucht, bis er wieder Selbstsicherheit im Umgang mit den Kindern bekam.

Ich habe vor einem knappen Jahrzehnt Zivildienst an einer Schule für körperbehinderte Kinder geleistet. Zu meinen Aufgaben gehörte es unter anderem, die behinderten Jungen in einer Schulklasse zu wickeln. Ich weiß nicht, ob diese Praxis heute noch so akzeptabel wäre:

In vielen Kindergärten gilt die eigenartige Regel, dass Männer keine Windeln wechseln dürfen – man stellt sie zwar ein, weil jeder weiß, wie wichtig es ist, dass Kinder auch von Männern erzogen werden, misstraut ihnen aber.

Damals wurden die Mädchen ausschließlich von Frauen gewickelt. Das fand ich so auch absolut in Ordnung. Ich fand es dabei fast schon befremdlich, dass auch die Buben teilweise von Frauen gewickelt wurden. Aber man hat wohl damals Frauen schon mehr vertraut als Männern. Zumindest wurde es nie als Problem gesehen, dass ich die Jungen gewickelt habe. Wieso auch? Weil ich ein Mann bin? Sind Männer alle potentielle Kinderschänder, die ihre Triebe nicht im Griff haben und sich deswegen an kleinen Kindern vergehen müssen? Es gab an dieser Schule acht Zivis, sie alle haben in ihren Klassen Kinder gewickelt, und es gab nie ein Problem.

Doch eines Tages warf mir eine Mutter vor, ich hätte ihren Sohn geschlagen. Eine absolut unwahre und unhaltbare Behauptung. Die Schulleitung versicherte, dass sie auf jeden Fall hinter mir stünde und dass sie davon überzeugt war, dass ich nicht so etwas getan hatte. Es wurde ein Gesprächstermin vereinbart, um diese Vorwürfe zu klären. Doch die Mutter erschien einfach nicht zu diesem Termin und die Sache war damit erledigt.

Das ganze hätte natürlich auch anders ausgehen können. Die Mutter hätte mich anzeigen können und die Vorwürfe sogar vor Gericht bringen können. Natürlich wäre ich letztendlich freigesprochen worden. Der einzige „Beweis“ für meine Schuld war der Vorwurf einer hysterischen Mutter, der auf den Aussagen eines unzurechnungsfähigen geistig behinderten Kindes basierte. Doch der Makel wäre an mir hängen geblieben, auch mit einem Freispruch. Ich wäre der Typ gewesen, dem man mal vorgeworfen hat, er hätte ein Kind geschlagen. Okay, der wurde freigesprochen, aber wer sagt denn, dass er es nicht trotzdem getan hat!1!!

Damals waren noch andere Zeiten. Diese Hysterie, die heute herrscht, hatte noch nicht um sich gegriffen. Vielleicht gab es schon die ersten Ansätze, doch ich bin froh, dass ich nicht heute als Mann in diesem Bereich mit Kindern arbeiten muss.

Zurück zu Kindern, die nackt spielen. Selbst ich kann nicht mehr unvoreingenommen sein, wenn ich so etwas beobachte. Immer schwebt diese diffuse Angst mit, dass man mein Verhalten in irgendeiner Weise falsch verstehen könnte. Dass ich den Kindern gegenüber „zu viel Interesse“ zeigen könnte oder etwas ähnliches. Meine Schwester zumindest lässt ihre beiden Kinder (4 und 8 Jahre alt) auch mal nackt spielen, wenn sie darauf Lust haben. Auch in meiner Gegenwart. Zum Glück ist meine Schwester nicht von dieser Hysterie befallen.

Natürlich muss man seine Kinder schützen. Doch tut man dies nicht, indem man sie ständig in Kleidung zwängt. Dadurch wird ihnen nur Unsicherheit vermittelt. Denn körperliche Scham ist etwas anerzogenes. Und wenn einem Kind vermittelt wird, dass Nacktsein etwas schlechtes ist, dann ist dies in meinen Augen ein fatales Signal. Dadurch wird einer neuen Prüderie Vorschub geleistet, die in jeder Nacktheit etwas sexuelles, etwas anrüchiges, etwas verbotenes sieht. Wollen wir unsere Kinder zu verklemmten unsicheren Individuen ohne Selbstvertrauen erziehen?

Man muss Kindern Sicherheit vermitteln. Doch Hysterie und übertriebene Angsthandlungen vermitteln keine Sicherheit, sie vermitteln vor allem Angst. Und das ist schlecht.

Lasst eure Kinder die Freiheit, die sie brauchen, um zu selbstbestimmten Individuen heranzuwachsen, die ihren Platz in der Welt kennen und behaupten können. Natürlich muss man seine Kinder beschützen, doch muss man auch die echten Gefahren im Blick behalten und nicht die vermeintlichen und virtuellen Gefahren, die einem die Hysterie einflüstert.

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