Dummheiten aus dem Elfenbeinturm

12.09.2015 cleaulem

literatur

Heute vor genau einem halben Jahr ist Terry Pratchett gestorben, der Verfasser der berühmten und geliebten Scheibenweltromane. Von Millionen von Lesern wird sein Werk gefeiert, das vor geistreichen Ideen nur so sprudelt. Ich muss gestehen, dass ich noch nie ein Buch von Terry Pratchett gelesen habe. Doch ich will so bald wie möglich dies nachholen. Denn ich habe viel gutes über seine Bücher gehört.

Nun kann man natürlich verschiedene Ansichten über Terry Pratchett’s Werk haben. Man kann die Bücher lieben, aber sie auch einfach schlecht finden. Das ist vollkommen in Ordnung. Es gibt Bücher, die ich selbst nicht mag, weil mir ihr Schreibstil einfach nicht gefällt. Ich kann aber akzeptieren, dass andere diese Bücher mögen. Nun habe ich einen Artikel im Guardian von einem gewissen Jonathan Jones entdeckt, in dem er seine persönliche Abneigung gegen die Prosa von Terry Pratchett kundtut. Und dieser Artikel ist einer der dümmsten, den ich in letzter Zeit gelesen habe.

Warum ist dieser Artikel nun dumm? Ganz einfach: Jones urteilt über das gesamte Werk Terry Pratchett’s ohne ein einziges seiner Bücher gelesen zu haben. Und er ist sogar noch stolz darauf:

It does not matter to me if Terry Pratchett’s final novel is a worthy epitaph or not, or if he wanted it to be pulped by a steamroller. I have never read a single one of his books and I never plan to. Life’s too short.

No offence, but Pratchett is so low on my list of books to read before I die that I would have to live a million years before getting round to him. I did flick through a book by him in a shop, to see what the fuss is about, but the prose seemed very ordinary.

Aha, das Leben ist also zu kurz, um es mit dem Lesen von solchen Romanen zu vergeuden!? Jones erklärt stolz, dass er höchstens nach einen Million Jahre sich mal dazu herablassen würde, sich mit solch ordinärer Prosa zu befassen. Diese Haltung ist doch schon ziemlich herablassend, so richtig schön aus dem Elfenbeinturm. Terry Pratchett ist ihm also nicht gut genug.

In the age of social media and ebooks, our concept of literary greatness is being blurred beyond recognition. A middlebrow cult of the popular is holding literature to ransom. Thus, if you judge by the emotional outpourings over their deaths, the greatest writers of recent times were Pratchett and Ray Bradbury.

Jones muss ja ziemlich lange hinter dem Mond gelebt haben. Denn Pratchett’s und Bradbury’s Popularität sind mitnichten Produkte sozialer Netzwerke und eBooks. Beide Autoren waren mir schon lange vor dem Aufkommen dieser Modernitäten ein Begriff und in aller Munde. Und ich sehe nicht das Problem darin, dass hier ein „Kult“ um populäre Literatur gemacht wird.

Meiner Meinung nach gibt es zwei Gründe, warum das Werk eines Künstlers populär wird, so dass es sich gut verkauft. Der eine ist der Hype, das Marketing, das um ein Produkt gemacht wird. Das Werk ist ziemlicher Mist, aber verkauft sich durch geschicktes Marketing und Propaganda wie geschnitten Brot. Ein Beispiel dafür ist die „Twilight-Reise“ und dessen schmuddeliges Spin-Off „Fifty Shades of Grey“. Literarisch recht maue Kost, die durch einen beispiellosen Hype zu Bestsellern wurden.

Der andere Grund, warum ein Werk populär werden kann, ist, dass es schlicht und ergreifend gut ist. Ein Beispiel dafür ist „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams. Ein wahres Meisterwerk der Absurditäten und der Witze, und dabei doch so unglaublich intelligent geschrieben. Bis heute findet dieser Roman und seine Nachfolger immer wieder neue Fans. Ist der Roman nun deshalb schlecht, weil er populär ist? Wenn man Jones‘ Argumentation folgt, dann ja.

There was far less of an internet splurge when Gabriel García Márquez died in 2014 and Günter Grass this spring. Yet they were true titans of the novel. Their books, like all great books, can change your life, your beliefs, your perceptions. Everyone reads trash sometimes, but why are we now pretending, as a culture, that it is the same thing as literature? The two are utterly different.

Und wieder mal muss man fragen, wo Jones die ganze Zeit gelebt hat. Beim Tod von Márquez und von Grass war die Anteilnahme doch schon sehr enorm. Sie waren nicht so „populär“ wie Pratchett, doch in der Kulturwelt hat es durchaus gebebt. Was mir an dieser Stelle aber besonders übel aufstößt, ist, dass Jones hier quasi alles, was unter dem literarischen „Niveau“ von Grass oder Márquez liegt, Müll (trash) sein soll. Wie bitte? Das ist schon sehr arrogant, so etwas zu behaupten.

Sollen die Bücher von Pratchett oder auch von Adams keine großartigen Bücher sein, die mein Leben und meine Ansichten ändern können? Adams Anhalter auf jeden Fall hat mein Leben durchaus verändert und meine Sicht auf die Welt geschärft. Und wer weiß, was ich von den Scheibenweltromanen alles werde mitnehmen können, wenn ich sie mal lese? Jones hat diese Bücher nicht gelesen und nimmt sich heraus, ihre literarische Qualität zu beurteilen. Das ist so als würde ich mir das Cover einer DVD anschauen und daraus auf den künstlerischen Wert des Filmes schließen können.

Actual literature may be harder to get to grips with than a Discworld novel, but it is more worth the effort. By dissolving the difference between serious and light reading, our culture is justifying mental laziness and robbing readers of the true delights of ambitious fiction.

Woher will Jones denn wissen, dass „tatsächliche Literatur“ mehr zu bieten hat als ein Scheibenweltroman, wenn er noch nie einen gelesen hat? Außerdem sitzt er da einem riesigen Missverständnis auf. Nur weil ein Autor umständlich und verklausuliert schreibt, bedeutet das nicht, dass er mit dieser schwer zu fassenden Prosa auch wirklich etwas auszusagen hat. Es gibt da den Spruch „Getretener Quark wird breit, nicht dicht“. Und ich finde, dieser Spruch passt hier wirklich gut.

Mit eine umständlichen Prosa kann man auch sehr gut verstecken, dass man nichts zu sagen hat, dass der Text an sich eigentlich inhaltsleer ist. Man kann viele Worte um nichts machen. Ich bin ja eher ein Anhänger einer klaren, reinen, direkten Prosa. Die wahre Meisterschaft in der Prosa hat der Autor, der seine Gedanken ohne viele Umschweife auf den Punkt bringen kann. Dies ist auch der Grund, warum ich die Werke von Albert Camus so sehr schätze mit ihrer kristallklaren Ausdrucksweise, wo in wenigen Worten doch so viel zum Ausdruck gebracht wird.

Ich konnte ehrlich gesagt mit Günter Grass nie wirklich viel anfangen. Ich habe mich immer gefragt, was das alles mir jetzt geben soll. Bin ich jetzt deshalb dumm? Ich meine nicht, denn ich kann mit hoher Literatur sehr wohl etwas anfangen und weiß sie auch sehr zu schätzen. Doch das heißt nicht, dass ich nicht auch großen Nutzen aus „populären“ Werken ziehen darf, wenn diese sehr gut geschrieben sind und durchaus etwas ausdrücken können, auch wenn Schnösel wie Jonathan Jones in ihrer Ignoranz dies nicht wahrnehmen wollen.

Und wer sagt eigentlich, dass die Scheibenweltromane keine „Literatur“ sind? Wer bestimmt denn diese Einteilung in Literatur und seichtem Lesestoff? Jonathan Jones? Man kann gute Literatur schreiben und gleichzeitig eine leicht zugängliche Prosa benutzen. Man kann populäre und unterhaltsame Werke verfassen und mit diesen den Leser gleichzeitig zur Reflexion seiner eigenen Existenz anregen. Wer dies verneint ist in meinen Augen ein alter Dinosaurier, der in seinem Elfenbeinturm sitzt und die Welt um sich herum nicht wahrnimmt.

Und hier haben wir noch ein Paradox in Jones‘ Argumentation. Wahre Literatur soll einem die Welt öffnen. Doch wie will man die ganze Welt als ganzes wahrnehmen, wenn man den Großteil davon ignoriert? Wenn man sich mit Pratchett’s Werk nicht befasst, weil es einem viel zu ordinär ist, dann begibt man sich doch in eine Filterblase, in der man alles, was einem nicht genehm ist, ignoriert. Wie will man denn dann über die eigenen Sichtweisen und Wahrnehmungen reflektieren, wenn man so ignorant ist? Diese Attitüde, die Jones hier an den Tag legt, ist einfach nur ein Zeichen von beispielloser Arroganz.

But Terry Pratchett? Get real. It’s time we stopped this pretence that mediocrity is equal to genius.

Noch einmal: Wie will er denn wissen, dass Pratchett nur mittelmäßig ist, wenn er nie ein Buch von ihm gelesen hat? Übrigens sind die Kommentare unter Jones‘ Artikel auch so gut wie alle ablehnend ob dieser kulturellen Arroganz. Schon der erste Kommentar ist Gold wert:

Life’s too short to spend any time reading faux controversial articles by people just filling out their word count to get their freelance paycheck.

Oh ja, so ist es!

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