Der Mensch und seine Evolution

15.09.2015 cleaulem

leonardo

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass der Mensch ein ganz besonderes Tier ist. So besonders, dass es viele Exemplare dieser Spezies gibt, für die es eine Beleidigung darstellt als Tier bezeichnet zu werden. Und doch sind wir im Grunde nichts anderes als „nackte Affen“. Unsere Physiognomie ist tierisch. Wir gehorchen immer noch einigen Urinstinkten, die teilweise immens in unseren Alltag eingreifen und wir haben bis heute nicht die Grenzen unserer Körperlichkeit überwunden.

Was uns aber besonders von den Tieren unterscheidet, ist unser Lebensraum. Wir leben in einer Umwelt, die wir uns selbst geschaffen haben. Vor allem der moderne Mensch mit seinen Betonhöhlen und seinen Straßen hat sich seine Umwelt nach seinen eigenen Vorstellungen geschaffen. Diese Umwelt kann dabei durchaus vollkommen künstlich sein. Menschen können Wochen oder Monate in einer Umgebung existieren, in der sie keine einzige natürlich gewachsene Struktur zu sehen bekommen. Sogar die Stadtparks sind das Produkt von menschlicher Planung.

Hand auf’s Herz: Wer von uns kann heute noch ohne diese künstliche Umgebung existieren? Wer könnte in der Wildnis ausgesetzt auch nur eine Woche überleben? Allerhöchstens einige wenige ganz verwegene Abenteurer wie Rüdiger Nehberg. Wir sind auf ein Leben in der menschlich geschaffenen Umwelt ausgerichtet.

Die gesamte Menschheit lebt in einer solchen Umgebung. Es sind allerhöchstens einige wenige Naturvölker am Amazonas oder in den indonesischen Regenwäldern, die noch nie Kontakt zur Zivilisation hatten, die noch „im Einklang“ mit der Natur leben, also ihr eigenes Leben an die Natur anpassen und nicht umgekehrt. Und selbst sie leben in Hütten, die sie sich erbauen. Ansonsten leben die Menschen selbst in den entlegensten Gegenden irgendwie in einer selbstgeschaffenen künstlichen Umgebung. Und ganz besonders ist diese Künstlichkeit in unserer modernen westlichen Zivilisation mit ihrem Beton, Plastik, Metall und ihrer Technologie zu spüren.

Es ist für uns vollkommen selbstverständlich, in einer solchen künstlichen Umgebung aufzuwachsen. Wir kennen es nicht anders und wir können uns auch kein anderes Leben vorstellen. Jeder Ausflug in die freie Natur, in die „Wildnis“, ist genau das: ein Ausflug. Wir gehen im Wald spazieren und wissen ganz genau, dass wir später wieder in unsere gemütliche Wohnhöhle zurückkehren werden und dort den Komfort genießen werden, den uns die moderne Welt des Menschen zu bieten hat. Es sind nur ein Paar „Aussteiger“, die diesem Leben komplett abschwören und dafür von der großen Mehrheit belächelt oder gar als Spinner verhöhnt werden.

Durch unsere Kultur, unsere Medizin mit ihren neuen Möglichkeiten und durch unsere künstliche Umgebung haben wir uns zu einem großen Teil von der Natur und ihren Regeln abgekoppelt. Wir machen unsere eigenen Regeln. Wir haben viele Krankheiten besiegt, die früher ohne die moderne Medizin den sicheren Tod bedeutet hätten. Wir werden immer älter und haben viele Krankheiten an den Rand der Ausrottung gebracht. All dies durch unsere moderne, künstliche Umwelt, die dem Menschen erlaubt, die Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten.

Und der Mensch ist stolz auf diese künstliche Umwelt, auf seine technischen Errungenschaften. Dieser Stolz und damit einhergehend auch die Technikgläubigkeit geht sogar so weit, dass viele Wissenschaftler ernsthaft behaupten, die Evolution, das Prinzip der natürlichen Auslese, würde für uns Menschen nicht mehr gelten. Da ein kranker Mensch nicht mehr zwangsläufig zum Tode verurteilt ist, hat er die Gelegenheit sich zu vermehren, was ihm in der freien Natur nicht möglich gewesen wäre.

Doch stimmt das so? Haben wir wirklich die Natur überwunden und gehorchen nur noch unserer Vernunft und unserer Kultur? Für mich lautet die Antwort nein. Denn der Mensch ist durchaus noch ein Sklave der Natur.

Dies fängt schon mit seiner künstlichen Umwelt an. Auch diese muss den Naturgesetzen gehorchen. Wenn es stark regnet und die Flüsse über die Ufer treten, wird eine Stadt am Fluss überschwemmt. Dagegen ist noch kein Kraut gewachsen. Alle menschlichen Bebauungen müssen an die Umgebung angepasst sein, sonst kommt es zu Problemen. Sogar riesige Großstädte sind nicht frei von Bedrohungen durch Naturereignisse, seien es Erdbeben, Vulkanausbrüche oder einfach nur ein Gewitter. Wir sind immer noch Teil dieser Erde, auch wenn wir es oft gerne anders hätten.

Weiterhin ist unsere Medizin auch nicht allmächtig. Wir haben den Krebs bis heute nicht besiegt, diese große Bedrohung unserer Existenz. Gegen Aids und andere schwere Krankheiten gibt es immer noch kein Heilmittel. Und andere Krankheiten wie Typhus und Cholera können immer wieder zurückkehren, wenn die Bedingungen dafür vorhanden sind. Selbst da müssen wir oft vor der Natur kapitulieren.

Diese beiden Faktoren sind schon eindeutig genug, um eine natürliche Auslese selbst in unserer modernen Welt zu belegen. Es ist eben nicht die Entscheidung der Menschen, wer bei einer Naturkatastrophe ums Leben kommt oder wer bei einer Epidemie angesteckt wird. Und auch Krebs ist eine Krankheit, die jeden treffen kann, selbst den gesündesten. Wie viele Geschichten werden erzählt von Leuten, die ihr Leben lang gesoffen und geraucht haben und dabei noch fett gegessen haben und die trotzdem 90 Jahre alt wurden. Und wie viele Geschichten gibt es dagegen von Leuten, die immer fit und gesund waren, nie geraucht oder getrunken haben, immer auf ihre Ernährung geachtet haben, und die trotzdem in jungen Jahren an Krebs gestorben sind. Da lässt sich die Natur nicht reinreden. Dies sind natürlich Extremfälle und keinesfalls typisch, doch es gibt sie. Und es gibt Indizien dafür, dass es für solche Dinge genetische Dispositionen gibt.

Doch der gewichtigste Faktor, der für eine evolutionäre Entwicklung des Menschen in unserer modernen Welt spricht, ist der Mensch selbst. Man muss sich nur das menschliche Verhalten betrachten. Wenn wir uns verlieben, folgen wir einem uralten Muster, das uns seit Jahrmillionen einprogrammiert ist. Wir suchen uns unsere Partner nach denselben Maßstäben aus, die schon für unsere Vorfahren in der Wildnis galten. Die Kultur verdeckt diese Maßstäbe teilweise, doch folgt die Kultur größtenteils eher diesen Maßstäben als dass sie sie negieren würde.

In allen Kulturen war der Zweck der Ehe doch stets, Nachwuchs zu zeugen. Das ist doch die fundamentale Triebfeder des menschlichen Sexualverhaltens. Die Kultur hat nur die Spielregeln bestimmt, nach welchen Regeln man sich dem potentiellen Partner zu nähern hatte. Doch die Ursache für dieses Verhalten liegt in unserer animalischen Natur.

Auch unsere bewusste Entscheidung für einen Lebenspartner ist in unseren Vorlieben begründet, die uns die Natur einprogrammiert hat. Unsere Partnerwahl ist Natur pur. Auch das Verliebtsein ist eine natürliche Reaktion unseres Nervensystems. Insofern ist es schon vermessen zu sagen, es gäbe in dieser Hinsicht so etwas wie die Evolution für den Menschen nicht mehr. Denn die Partnerwahl ist in den wenigsten Fällen durch vernunftsmäßige Entscheidungen bestimmt, sondern durch von der Natur vorgegebene Präferenzen. Die Kultur ist dabei nur das Set an Spielregeln, die für die Partner innerhalb der Gesellschaft gelten.

Ich will damit auf keinen Fall irgendeine biologistische Argumentation fördern, sondern ich will nur darauf aufmerksam machen, dass der Mensch trotz seiner Kultur und seiner Vernunft in vielen Bereichen einfach immer noch wie ein Tier ist, auch wenn dies durch die Kultur oft verdeckt wird. Das bedeutet nicht, dass man sich nicht willentlich gegen solche Präferenzen entscheiden kann und dass man nicht einen anderen Weg wählen kann. Man sollte sich nur bewusst machen, dass viele Entscheidungen eben doch nicht nur der Vernunft geschuldet sind.

Auch will ich nicht argumentieren, dass Homo- oder Transsexualität etwas Widernatürliches seien. Diese Position vertrete ich nicht und ich distanziere mich hier auch ausdrücklich davon. Für mich sind diese Formen der menschlichen Existenz Spielarten, die einfach zum Menschsein dazugehören. Schließlich gibt es auch im Tierreich Homosexualität und es hat sich sogar in einer Studie gezeigt, dass Homosexualität sogar einen evolutionären Vorteil bieten kann.

Die Evolution des Menschen hat mitnichten aufgehört, sie hat sich nur verlagert. Der Mensch hat seine eigene Evolution durchaus beeinflusst, das steht fest. Forscher haben sogar schon Prognosen angestellt, wie diese Evolution in Zukunft verlaufen könnte. Doch ganz überwunden hat er sie nicht. Und mal ganz ehrlich: Es wäre auch nicht wirklich wünschenswert, an diesem Zustand etwas zu ändern.

« - »

Keine Kommentare»»

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag- Trackback

Schreibe einen Kommentar!

Folgende HTML-Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> .

%d Bloggern gefällt das: