Henning Mankell

06.10.2015 cleaulem

bruecke

Normalerweise berührt es mich nicht besonders, wenn eine bekannte Persönlichkeit stirbt. Das ist einfach der Lauf des Lebens, irgendwann müssen wir alle einmal gehen. Natürlich ist eine solche Todesnachricht mir nie vollkommen egal, ich bin ja nicht empathielos. Aber ich habe auch meistens keine besondere Verbindung zu dieser Person. Gestern ist der schwedische Schriftsteller Henning Mankell im Alter von nur 67 Jahren in Göteborg gestorben. Diese Nachricht hat mich wirklich getroffen, und zwar aus mehreren Gründen.

Es gibt kaum einen Schriftsteller, von dem ich mehr gelesen habe als von Henning Mankell. Ich glaube sogar, dass er mein meistgelesener Schriftsteller ist. Ich habe alle zwölf Wallander-Bücher gelesen, und das sogar im schwedischen Original. Und noch andere Bücher habe ich von ihm gelesen. Für mich waren die Wallander-Romane mehr als nur sehr gute Krimis. Sie waren regelrechte Sittenporträts der schwedischen Gesellschaft. Die Nebenhandlungen mit Wallanders Familie und Bekannten waren in meinen Augen fast schon interessanter als die eigentlichen Mordfälle. Mankells Bücher gehen einfach unglaublich in die Tiefe, und sie nehmen einen direkt mit.

Der Chronist der Winde ist ein anderer Roman von Mankell, der mich sehr berührt hat. Darin geht es um einen afrikanischen Jungen, dessen Familie brutal ermordet wird und der sich in einer Großstadt als Straßenkind durchschlagen muss. Dieser Roman ist mehr als nur eine einfache Milieustudie. Er ist eine Melange aus Fantasie und Wirklichkeit, die einen einfach nur tief berührt. Überhaupt hat sich Henning Mankell unglaublich viel für Afrika engagiert. Der Kontinent war seine zweite Heimat. Er hat in Mosambiks Hauptstadt Maputo ein Theater geleitet. Die Hälfte des Jahres lebte er dort.

Er hat sich immer engagiert und war einer der wenigen, denen man die Ehrlichkeit dieses Engagements glaubte. Man konnte dies in seinen Büchern lesen, die eine zutiefst humanistische Einstellung und ein absolutes Streben nach Gerechtigkeit vermittelten. Er war in der 68er-Bewegung aktiv und den Idealen von damals immer irgendwie treu geblieben. Er war ein schreibender Aktivist, der sich für eine bessere Welt einsetzte.

Henning Mankells Tod hat aber auch eine persönliche Dimension für mich. Ich hatte einmal das Glück, ihn persönlich treffen zu können. Er war im Dezember 2009 in Wiesbaden und hatte dort an zwei Veranstaltungen teilgenommen. Einmal stellte er einen Film über Mosambik vor, in dem es um sein Engagement dort ging. Nach dem Film gab es eine kurze Pause, in der ich zu ihm ging, um ein Buch von ihm signieren zu lassen. Es war der Roman „Der Chinese“, den ich kurz zuvor auf Schwedisch gelesen hatte. Als ich ihm das Buch gab, sagte er mir, dass er es leider nur signieren und keine Widmung hineinschreiben könne, da die Zeit fehlte. Aber ich war so schon unfassbar glücklich. Dieses Buch ist für mich unglaublich wertvoll, jetzt umso mehr nach Mankells Tod. Nicht, weil ich es jetzt gut zu Geld machen könnte, nein, ich könnte dieses Buch niemals verkaufen. Es ist für mich so sehr wertvoll, weil ich es mit der Erinnerung verbinde, diesen großartigen Mann getroffen zu haben.

Ich habe auch die zweite Veranstaltung mit Henning Mankell in Wiesbaden besucht. Er las in der Marktkirche das erste Kapitel seines Romans „Der Chronist der Winde“ vor. Die Lesung war auf Deutsch, und Mankells Deutsch war ausgesprochen gut. Anschließend gab er eine Signierstunde, aber ich hatte mein Autogramm bereits vorher erhalten. Und ich war in diesem Moment nicht einer von vielen, die ihm ein Buch hinhalten, damit er seine Unterschrift hineinsetzt. Ich stand ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber, so dass dieser Moment für mich etwas Besonderes war und ich ihn niemals vergessen werde.

Niemals hätte ich damals gedacht, dass Henning Mankell nur sechs Jahre später tot sein würde. Er war damals 61 Jahre alt, er wurde nur 67 Jahre alt. Krebs ist eine fürchterliche Krankheit, die Menschen ungeachtet ihres Alters und ihrer Konstitution dahinrafft. Vor nicht einmal zwei Jahren wurde bei Mankell der Krebs diagnostiziert. Erst im September habe ich ein aktuelles Bild von ihm gesehen und war schockiert, wie kaputt er schon aussah. Spätestens da war mir klar, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis es mit ihm zu Ende geht. Und trotzdem hat mich die Nachricht von Mankells Tod schockiert. Denn man will es bis zuletzt oft nicht wahrhaben.

Mit Henning Mankell ist ein großartiger Schriftsteller und ein bemerkenswerter Mensch gestorben. Er wird der Welt wirklich fehlen, denn er hat es wie wenige verstanden, die Welt zum Guten zu verändern. Und er war unglaublich klug. Das sieht man auch in seinen Worten über den Tod, die er vor Jahren, lange bevor seine tödliche Krankheit diagnostiziert wurde, sagte und die im Nachhinein geradezu prophetisch wirken:

ZEITmagazin: Kommen wir noch einmal auf Ihren schwermütigen Helden zurück. Wallander hat große Angst vor dem Tod. Sind das Ihre Ängste, die sich da widerspiegeln?

Mankell: Nicht unbedingt. Vor dreißig Jahren hätte ich wahrscheinlich Ja gesagt. Aber in Afrika habe ich ein anderes Verhältnis zum Leben und zum Tod gewonnen. Dort ist der Tod ein ganz normaler Teil des Lebens. Bei uns in Europa gehen wir mit dem Tod nicht mehr um. Vor fünfzig Jahren war es ganz normal, dass Kinder ihre Großeltern tot gesehen haben. Heute überlassen wir alles den Krankenhäusern und Bestattungsunternehmen. Das ist ein ernstes Problem. Wie sollen Menschen Respekt vor dem Leben bekommen, wenn sie nichts über den Tod wissen?

ZEITmagazin: Sie glauben nicht an Gott?

Mankell: Nein. Ich respektiere Menschen, die es tun, ob sie nun an Allah glauben oder an den christlichen Gott. Doch ich glaube, das große Abenteuer am Leben ist ja, dass es nur ein Mal stattfindet. Man kann keinen Schritt zurückgehen. Die Idee des ewigen Lebens kann ich nicht teilen.

ZEITmagazin: Sie haben also wirklich keine Angst vor dem Sterben?

Mankell: Nein, ich habe eine andere Angst, eigentlich ist es lächerlich: Für mich ist es erschreckend, dass ich so lange tot sein werde, dass ich Millionen von Jahren tot sein werde. Ich mag diesen Gedanken nicht.

Henning Mankell ist tot, und er wird dies für Millionen von Jahren sein. Doch er hat seinen Fußabdruck in der Welt hinterlassen, und so wird er lange weiterleben. Ruhe in Frieden Henning Mankell!

Kategorie: Trauriges
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