automobile Selbstüberschätzung

19.10.2015 cleaulem

brummi

Ich werde seit Jahren den Eindruck nicht los, dass sich die Leute im Straßenverkehr immer rücksichtsloser verhalten. Und ich bin da nicht der einzige, dem es so geht. Ich habe vor mehr als einem Jahrzehnt meinen Führerschein gemacht und bin von Jahr zu Jahr immer entsetzter, welche rücksichtslosen Verhaltensweisen sich die Leute in großer Masse und regelmäßig herausnehmen, die ich damals noch gar nicht für möglich gehalten habe. Ich habe mich immer gefragt, wo die Ursachen dafür liegen, dass auf den deutschen Straßen mehr und mehr das Gesetz des Dschungels herrscht. Ich glaube inzwischen eine Antwort gefunden zu haben.

Es sind die Autos! In den letzten Jahren sind SUVs immer mehr in Mode gekommen. Das Straßenbild in Deutschland wird inzwischen von diesen großkotzigen Riesenkarossen eingenommen. Oft sieht man darin dann kleine Frauchen hocken, die verpeilt und ohne jede richtige Kontrolle durch die Gegend heizen. Ich habe oft das Gefühl, dass die Fahrer (egal ob Mann oder Frau) diese Geräte nicht wirklich in der Gewalt haben und sie einfach nicht in der Lage sind, diese Riesengefährte richtig zu handhaben. Das gilt für den Straßenverkehr und auch für das Einparken.

Warum kaufen sich also die Leute solche Geschosse, die sie nicht mal richtig im Griff haben? Na wegen der Sicherheit! Vor allem Frauen schätzen an SUVs, dass sie darin in einer erhöhten Position sitzen, in der sie einen (vermeintlich) besseren Überblick über den Verkehr haben. Ich kenne dieses Gefühl, ich habe selbst mehrere Male einen Kleintransporter gefahren und weiß wie es sich anfühlt. Auch haben heutige Autos sehr viele Sicherheitsmerkmale, die für die Sicherheit der Insassen sorgen sollen. Airbags, ESP, ABS und was weiß ich nicht noch alles. So bekommt man ein gewisses Gefühl der Unverwundbarkeit.

Das ist der Eindruck, den ich oft gewinne: Dass Autofahrer riskante Fahrmanöver fahren, weil sie sich selbst für unverwundbar halten. Mir kann nichts passieren, ich bin größer als andere und unverwundbar. Ich kann mir alles erlauben! Das scheinen viele tatsächlich zu glauben.

Eine Bekannte hat sich letztes Jahr einen neuen Volvo gekauft. Dieses Auto hat sicherheitstechnisch wirklich alle Finessen. Airbags, Einparkhilfe, Tempomat, Fußgängerairbag und sogar ein automatisches Bremssystem, das automatisch bremst, wenn vor dem Auto ein Fußgänger läuft. Bei der Bekannten haben diese Sicherheitsfeatures letztendlich dazu geführt, dass sie beim Autofahren nicht mehr richtig auf den Verkehr achtet. Sie fährt auf der Autobahn mit 150 km/h durch recht enge Kurven. Sie macht abrupte Spurwechsel. Sie fährt rückwärts aus Parktaschen, ohne richtig nach hinten zu schauen. Darauf angesprochen kommen dann von ihr Aussagen wie „mein Auto hat doch so gute Bremsen“ oder „mein Auto hat doch einen Rückwärtssensor“.

Letztens kam es zu einer kritischen Situation, als sie von einer Tankstelle nach rechts in den fließenden Verkehr einbiegen wollte. Sie schaute die ganze Zeit nach links und achtete ausschließlich auf den Straßenverkehr. Dabei bemerkte sie nicht, dass von rechts auf dem Bürgersteig, auf dem ihr Auto stand, eine Fußgängerin mit ihrem Hund entlanglief. Als der Straßenverkehr frei war fuhr sie also einfach los und hätte dabei fast den Hund überfahren. Zum Glück ist nichts passiert und alle kamen mit dem Schrecken davon. Aber es war schon eine sehr kritische Situation. Solche Situationen kommen mit der Bekannten in letzter Zeit recht häufig vor.

Sie verlässt sich zu sehr auf die Technik des Wagens. Sie achtet nicht mehr auf den Verkehr, weil sie der Meinung ist, dass die automatischen Systeme und die Sensoren das schon für sie erledigen werden. Ich habe die Befürchtung, dass sie nicht die einzige Autofahrerin ist, die diese Einstellung hat. So wie viele Leute, vor allem in neuen und großen Autos, herumfahren, muss man sogar davon ausgehen, dass diese Einstellung sehr verbreitet ist. Da kaufen sich die Leute große Autos, um sich darin sicher zu fühlen und glauben dann, überhaupt nicht mehr auf den Verkehr achten zu müssen.

Es ist der alte Streit, ob solche Sicherheitsmaßnahmen nicht sogar kontraproduktiv für die Verkehrssicherheit sein könnten. Ich sehe das nicht so. Schon bei der Einführung des Gurtzwangs wurde so argumentiert. Autofahrer ohne Sicherheitsgurt würden vorsichtiger fahren. Diese Behauptung ist Unsinn, und die Zahl der Verkehrstoten ist durch den Gurtzwang immens zurückgegangen. So ähnlich ist es auch heute. Man könnte argumentieren, dass dieser technische Schnickschnack dazu führt, dass sich die Leute zu sehr darauf verlassen.

Es kommt wie so oft auf die Einstellung der Leute an. Ein Sicherheitsgurt macht die Verkehrsteilnehmer ebenso wenig unverwundbar wie ein automatisches Bremssystem. Es ist nur eine sinnvolle Ergänzung zum Instinkt des Fahrers. Es soll ihm nur dabei helfen, Unfälle zu vermeiden und ihn vor schweren Verletzungen schützen. Es ist keine Patentlösung, die ihn vor allen Gefahren da draußen beschützt.

Ein weiterer Aspekt dabei ist, dass diejenigen Verkehrsteilnehmer, die nicht in solchen modernen Panzerwagen sitzen, durch diese Selbstüberschätzung noch mehr gefährdet werden als ohnehin schon. Ich rede hier von Fußgängern und den Fahrern von (älteren) Kleinwagen, so wie ich einer bin. Es gruselt mir vor dem Gedanken, mit einem schweren SUV in einen großen Unfall verwickelt zu werden. Der Fahrer vom SUV überschätzt sich, rasselt mit mir zusammen, ich bin in meinem Kleinwagen Matsch und tot und dieser verstrahlte Vollidiot hat wahrscheinlich nur ein Paar Kratzer. Na toll!

Man kann also sagen, dass sich diese Leute ihre eigene Sicherheit gewissermaßen auf dem Rücken der anderen Verkehrsteilnehmer ohne ein solches Fahrzeug erkaufen. Insofern ist das Verhalten dieser verstrahlten Idioten sogar doppelt rücksichtslos.

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