Fefe und der Sozialkonstruktivismus

04.11.2015 cleaulem

fefe

Über diesen Artikel in Fefes Blog bin ich auf diesen Artikel von Joscha Bach gestoßen, der darüber schreibt, wieso Fefe so sehr von Feministen angefeindet wird. Joscha fordert die Leser zuerst einmal auf nachzusehen, ob Fefes Gegner nicht Sozialkonstruktivisten seien.

Oje, ich lese Fefe!? Für viele ist das schon ein triftiger Grund, mich und meine Aussagen von vornherein nicht ernst zu nehmen. Denn viele betrachten Fefe-Leser so ähnlich wie Bild-Leser. Und die Tatsache, dass jemand Fefe liest, ist schon ein Totschlagargument, dass man sich nicht mal mit den Argumenten dieser Person auseinanderzusetzen braucht. So sieht es auch Michael Seemann:

Um das hier klar zu sagen: Ich lese Fefe nicht, und zwar wegen seiner mangelnden journalistischen, moralischen und diskursethischen Integrität. Wer ihn dennoch liest, kann von mir nicht erwarten, dass ich sie oder ihn noch irgendwie ernst nehme.

Wieso nicht? Ich konnte solche und ähnliche Aussagen nie nachvollziehen. Ich habe bei Fefe noch nie zu sehr vereinfachende, moralisch verwerfliche oder irgendwie anders unhaltbare Aussagen gefunden. Um es ganz offen zu sagen: Fefe hat in vielem recht. Und ich bin gewiss kein Fefe-Fanboy. Auch er vergreift sich das eine oder andere Mal im Ton oder er sagt Dinge, wo ich eine andere Position habe. Aber ihn dadurch gleich komplett abzuschreiben, zeugt nicht gerade von der Stärke der eigenen Argumente.

Wenn Fefe eines ist, dann absolut ehrlich. Er hält mit seiner Meinung nicht hinter den Berg. Er macht immer klar und deutlich, was er von seinem Gegenüber erwartet. So ist sein oberstes Ziel, seine Leser in Medienkompetenz zu schulen. Da bringt er auch mal Beiträge, die absichtlich missverständlich rüberkommen. Denn er will erreichen, dass sich seine Leser selbst über die Hintergründe informieren und nicht einfach nur unhinterfragt das schlucken, was er ihnen vorsetzt.

Und da wären wir auch schon wieder beim Hauptthema dieses Artikels. Denn die Vorwürfe, die gegen Fefe (und damit auch seinen Lesern) erhoben werden, haben sehr viel mit Fefes Bild der Realität zu tun. Joscha Bach hat dies sehr gut zusammengefasst:

Im Fefe-Modell ist die Realität durch (natürlich nicht immer erkennbare) objektive Fakten bestimmt, und die bessere Meinung entsteht dadurch, dass man sich diesen Fakten annähert (Meinung ist true oder false).

So würde ich auch mein eigenes Bild der Realität betrachten. Ich persönlich bin ja ein strenger Verfechter einer kritischen Sichtweise der Realität. Man muss immer alles hinterfragen und sollte nie etwas als gegeben hinnehmen. Ich habe mich auch schon einmal in einem anderen Artikel in meinem Blog dazu geäußert. Nun gibt es aber auch ein anderes Bild, wie es Joscha beschreibt: Das Realitätsbild der Sozialkonstruktivisten.

Im Modell der Sozialkonstruktivisten (wozu insbesondere auch die Gender Studies gehören) ist Realität eine soziale Konstruktion, die sich aus einem Verhandlungsprozess ergibt, und Fakten sind Verhandlungsmasse (Meinung ist right oder wrong). Es gibt in Social Media sogar ein Wort dafür, dass jemand einen unzulässigen Faktenbezug ins Spiel bringt (also einen Fakt, aus dem eine falsche Meinung folgen würde, wenn man ihn in die Argumentation läßt): „Derailing“.

Dieses Modell der Realität kann Fefe so überhaupt nicht nachvollziehen, genauso wenig wie ich. Und das aus gutem Grund. Ich möchte einfach mal versuchen, meine Sichtweise der Dinge hier zu erläutern.

Meine existenzialistische Weltsicht

Ich bin in dieser Hinsicht ganz Existenzialist. Es gibt einerseits die objektive Realität, das An-Sich. Das ist die Welt da draußen mit ihren Dingen und Sachverhalten. Diese Dinge sind an sich weder richtig noch falsch, weder gut noch schlecht, sie sind einfach nur da. Sie haben an sich auch keinen tieferen Sinn. Nun kommt der Mensch ins Spiel. Der geht selbst über das An-Sich hinaus, verfügt über ein Für-Sich. Er ist (normalerweise) in der Lage, sich und seine Umwelt zu reflektieren. Er verleiht seiner eigenen Existenz überhaupt einen Sinn. Und er ist es auch, der sich selbst und seiner Umwelt einen Sinn ergibt.

Daraus ergibt sich, dass bestimmte Dinge oder Umstände an sich gar nicht schlecht sein können, sondern erst durch die menschliche Wahrnehmung schlecht werden. Wenn ich zum Beispiel einen Weg entlang gehe und dieser wird durch einen großen Stein versperrt, dann ist das für mich natürlich schlecht, wenn ich diesem Weg folgen will und durch den Stein daran gehindert werde. Dass der Stein dort liegt, ist an sich nicht gut oder schlecht. Erst mein Wille, diesen Weg zu gehen, macht den Stein zu einem Hindernis für mein Vorhaben. Sartre nennt dies den „Widrigkeitskoeffizienten“.

Existanzialismus und Sozialkonstruktivismus

Nun scheint diese Sichtweise auf dem ersten Blick die Sicht der Sozialkonstruktivisten zu untermauern. Und das stimmt auch ein Stück weit. Der Feminismus und vor allem die Gender Studies berufen sich schließlich auch auf Simone de Beauvoir, die die Ansicht vertrat, dass man nicht als Frau geboren wird, sondern zu einer gemacht wird. Es scheint, als würde alles gehen, als könnte man sich jedes Label überziehen und sich definieren, wie es einem gerade einfällt. Doch so einfach ist es nicht.

Jeder Mensch kann sich frei definieren, er muss es sogar, wir sind quasi „dazu verurteilt, frei zu sein“. Wir müssen uns selbst definieren, als was wir uns selbst sehen möchten. Doch bedeutet dies nicht, dass man die Realität um einen herum komplett ignorieren könnte oder sie seinen eigenen Vorstellungen anpassen könnte, wie es die Sozialkonstruktivisten zu tun versuchen.

Die objektive Realität ist definitiv vorhanden. Sie hat zwar keinen Sinn an sich, doch sie ist nun einmal da. Und man kann sie auch nicht wegdiskutieren. Ich glaube, das ist einer der Punkte, der am Existenzialismus am häufigsten missverstanden wird. Die objektive Realität, das An-Sich, ist ein Faktum, dass sich nicht leugnen lässt. Auch wenn das Für-Sich des Menschen die absolute Freiheit bedeutet, so ist es doch an das An-Sich gebunden. Das Für-Sich zieht seine Motive und auch seine Motivation zu einem großen Teil aus dem An-Sich. Wir orientieren uns an unserer objektiven Realität, auch wenn uns ihre Deutung selbst überlassen bleibt. Auch andere Menschen spielen dabei eine Rolle. Sartre hat sehr stark betont, dass für das Für-Sich auch der Blick der anderen, das Betrachtet-Werden, eine große Rolle spielt und dass es auch unsere Entscheidungen mit beeinflusst.

Wir können zwar die objektive Realität nach unseren Vorstellungen deuten, aber wir können sie nicht durch unsere Sichtweise negieren. Der Stein auf dem Weg kann nicht richtig oder falsch sein. Es lässt sich nicht darüber verhandeln, ob dieser Stein dort liegt oder nicht. Er ist einfach da oder er ist nicht da. Wenn sich jemand durch diesen Stein beeinträchtigt fühlt, dann ist das sein gutes Recht, doch dann muss er damit leben, einen anderen Weg um diesen Stein herum suchen oder er muss diesen Stein aus dem Weg räumen. Aber er kann sich nicht hinstellen und darüber jammern, dass es moralisch verwerflich ist, dass dieser Stein dort liegt. Und jeder, der auch nur darüber redet, dass dieser Stein dort liegt, kann auch nicht dafür moralisch verurteilt werden.

Fefe sucht (trotz eigener konfirmatorischer Kognition, gegen die er immer wieder Disclaimer setzt) gezielt nach Fakten, die seine Meinung in Frage stellen, so dass er seine Meinung verbessern kann (er klärt Entropie bezüglich Wahr/Unwahr auf). Aber aus sozialkonstruktivistischer Sicht präsentiert er Konstruktionselemente, die die ethisch gebotene Realität in Frage stellen, und deshalb die Meinung verschlechtern würden (er erhöht die Entropie bezüglich Richtig/Falsch).

Auch ich freue mich darüber, wenn ich einen Fakt finde, der mein aktuelles Weltbild erschüttert. Denn das bedeutet, dass dieses Weltbild nicht korrekt gewesen sein kann und ich es dadurch besser feinjustieren und erweitern konnte. Durch meine Irrtümer werde ich also zu einem besseren Menschen. Schon oft habe ich dieses Erlebnis gehabt und war im Nachhinein immer froh darüber, die offensichtlichen neuen Fakten nicht abgetan und ignoriert zu haben.

Fakten als Verhandlungsmasse

Idealerweise orientiert sich unser Weltbild an der objektiven Realität. Das Problem dabei ist aber, dass unsere Sicht auf die objektive Realität immer eingeschränkt ist. Niemand kann alles wissen und überblicken. Wir kennen nicht alle Naturgesetze, die unsere Welt definieren. Wir kennen nicht immer alle Faktoren, die einer bestimmten Situation zugrunde liegen. Wenn zum Beispiel jemand anderes zu einem unfreundlich ist, kann man sich hinstellen und beleidigt sein und denjenigen für ein Arschloch halten. Oder man hinterfragt, warum jemand so sein könnte und findet vielleicht heraus, dass derjenige gerade private Probleme hat oder dass man sogar unbewusst denjenigen tief beleidigt hat. Man kann nicht immer wissen, was hinter einem bestimmten Verhalten einer Person für Motive stecken, warum jemand sich in einer bestimmten Situation so verhält. Und vor allem ist es nicht immer sinnvoll, dieses Verhalten moralisch als richtig oder falsch abzustempeln und einzuordnen. Denn jedes Verhalten kann in einer bestimmten Situation richtig oder falsch sein, je nach Sichtweise und nach Beteiligtem.

Was aber das wichtigste ist: Fakten sind eben keine Verhandlungsmasse. Fefe hat sich dazu auch explizit geäußert:

Fakten sind wirklich und bestehen und können weder wahr noch falsch sein. Interpretationen der Fakten können wahr oder falsch sein. „Dieser Mann raubt seit 10 Jahren jeden ersten Montag im Monat diese Bankfiliale aus“ wäre ein Fakt. „Morgen ist der erste Montag im Monat, da kommt er bestimmt wieder“ ist kein Fakt. Fakten sind nicht widerlegbar. Behauptungen sind widerlegbar. Wenn es nicht zutrifft, waren es kein Fakten, sondern Tatsachenbehauptungen.

Fakten sind objektive Realität. Man kann sie lediglich richtig oder falsch interpretieren. Soweit kann man die Position der Sozialkonstruktivisten nachvollziehen. Doch man kann Fakten nicht als moralisch richtig oder falsch deklarieren.

Die eigene Weltsicht setzt sich aus dem Spektrum an Fakten zusammen, die einem bekannt sind. Weiterer Input in dieses Weltbild sollte in besten Fall einen Denkprozess zur Folge haben, der zu einer Modifikation und Neueichung dieser Weltsicht führt. Dies nennt man auch Entwicklung. Jeder Mensch entwickelt sich immer weiter.

Natürlich beruht das Weltbild nicht nur aus Fakten, die in Beton gegossen sind und unwiderlegbar sind. Es setzt sich zu einem großen Teil aus Hypothesen zusammen, die sich aus der Interpretation der Faktenlage ergeben. Nun können neue Fakten ans Tageslicht treten, etwa durch weitere Forschung, die diese alten Hypothesen in Frage stellen. Dass diese neuen Fakten die alten Hypothesen widerlegen, ist an sich auch nicht richtig oder falsch. Es ist einfach so. Und es ist bestimmt nicht moralisch falsch, wenn das eigene Weltbild durch einen solchen Fakt erschüttert wird. Denn das bedeutet nur, dass das bisherige Weltbild die Realität nur unzureichend beschreibt und einiger Modifikationen bedarf.

Derailing ist in diesem Sinne ein Totschlagargument, weil er die Diskussion im Keim erstickt. „Dieses Argument lässt unmoralische Schlüsse zu, also ist es falsch“ verhindert eine weitere Auseinandersetzung mit dem Argument; es ist eine bequeme Methode, sich von unbequemen Argumenten abzuschotten. Doch Fakten können nicht richtig oder falsch sein, sie sind einfach nur da. Und so ist es fatal, unbequeme Fakten nicht zur Kenntnis zu nehmen. Ähnlich ist es ja auch, wenn man sich als Fefe-Leser zu erkennen gibt. Denn dann ist man ja für die Diskussion verbrannt und die anderen brauchen sich nicht mit den (unbequemen) Argumenten auseinanderzusetzen. Ich gehöre jetzt also auch zu den bösen, den falschen. Aber wisst ihr was: Ich bin stolz darauf, mich und mein Weltbild und das meiner Umwelt zu hinterfragen.

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