Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast

07.02.2016 cleaulem

schlangen

Dieses Bonmot wird in der Regel Winston Churchill zugeschrieben, doch ist es keinesfalls gesichert und der wahre Urheber ist unbekannt. Es zeigt aber, wie in unserer Gesellschaft Statistiken hergenommen werden, um eigene Sichtweisen zu belegen, diese aber bei näherer Betrachtung durch diese Statistik eben nicht gestützt werden. Denn wenn man sich die herangezogene Statistik näher anschaut, stellt man fest, dass die Zahlen entweder falsch ermittelt wurden und schlicht und ergreifend falsch sind oder dass die Zahlen einfach nur falsch interpretiert wurden und aus ihnen die falschen Schlüsse gezogen wurden. Letztens habe ich eine solche falsche Interpretation von statistischen Angaben erleben dürfen.

Worum ging es? Ich studiere Geschichte, und an jenem Tag wurde die Klausur für die Vorlesung zur Einführung in die Alte Geschichte geschrieben. Diese Klausur ist unter den Studenten sehr berüchtigt, denn die Durchfallquote ist sehr hoch. Fast alle Bekannten von mir sind mindestens einmal in dieser Klausur durchgefallen, und auch ich habe sie erst im zweiten Versuch bestanden. Dies liegt daran, dass die Professorin diese Klausur immer sehr schwer macht. Die Fragen verlangen teilweise sehr fundiertes Detailwissen und sind oft sehr unklar und zweideutig formuliert, so dass man schnell etwas vollkommen falsches hinschreibt.

Nun war ich an jenem Tag in einem anderen Kurs zu Alter Geschichte. Morgens war die Klausur geschrieben worden und der Dozent war dort eine der Aufsichtspersonen. Weil sehr viele aus dem Kurs diese Klausur mitgeschrieben hatten, kam das Gespräch darauf und auch auf die hohen Durchfallraten. Glücklicherweise hatte ich da die Klausur bereits in einem früheren Semester bestanden, so dass ich mich nicht über das Gespräch aufzuregen brauchte. Denn der Inhalt war schon ziemlich der Hammer.

Der Dozent behauptete nämlich, dass die Durchfallraten bei dieser Klausur eben nicht SO SEHR hoch seien. Denn bei der Statistik würden schließlich auch diejenigen mitgezählt, die gar nicht erst zur Klausur erschienen und deswegen durchfallen seien. Und da sie ja nicht mitgeschrieben hätten, könnte man sie streng genommen auch nicht zu denen zählen, die tatsächlich die Klausur mitgeschrieben haben und wegen mangelnder Leistung durchgefallen sind. So ergebe sich schließlich eine Durchfallrate, die nicht höher liegt als bei anderen Klausuren.

Diese Aussage ist aus mehreren Gründen falsch. Mal angenommen, diese Zahlen würden stimmen, dann kann man nicht einfach diejenigen rauszählen, die sich zur Klausur angemeldet und sie nicht mitgeschrieben haben. Bei der Vergabe der Noten zählt schließlich auch nicht, ob man die Klausur tatsächlich mitgeschrieben hat. Durchgefallen ist durchgefallen. Dann müsste man auch so kulant sein und den Versuch auch nicht zählen, wenn man am Institut so zu seinen eigenen Gunsten rechnet. Außerdem muss man sich fragen, warum jemand gar nicht erst zur Klausur erscheint. Sind die Leute alle so faul und drücken sich? Oder ist es nicht eher so, dass die Studenten Angst vor der Klausur haben, weil sie ganz genau wissen, dass sie durchfallen werden? So ist es nämlich. Wenn all jene, die sich für die Klausur angemeldet haben, tatsächlich hingingen, dann wären die Durchfallraten genau so hoch und die Milchmädchenrechnung könnte dann nicht mehr als Feigenblatt dafür dienen, dass die Anforderungen zu hoch sind.

Abgesehen davon ist diese Behauptung schlicht und ergreifend falsch. Wie bereits erwähnt ist so gut wie jeder aus meinem Bekanntenkreis, der diese Klausur schreiben musste, mindestens einmal durchgefallen. Als meine Freundin ihren zweiten Versuch hatte, hat sie sehr viele von denen, die bereits beim ersten Versuch mit ihr geschrieben hatte, wiedererkannt. Es sind also tatsächlich sehr viele, die mitschreiben und durchfallen. Ich halte die Aussage, dass die hohen Durchfallraten durch so viele Studenten, die einfach nicht zur Klausur erscheinen, verursacht würden, für eine Schutzbehauptung. Bei jeder Klausur ist der Hörsaal randvoll gewesen. So gut wie alle kommen tatsächlich zur Klausur, sonst hätten sich die Leute nämlich nicht angemeldet.

Dieser Dozent ist selbst auch nicht gerade durch besonders hohe Kompetenz, sondern eher durch ausgeprägtes Geschleime aufgefallen. Dass er durch solche statistischen Taschenspielertricks eine an sich untragbare Situation schönredet, ist ja schon bezeichnend. Denn die Art und Weise, wie diese Klausur konzipiert ist, ist schon sehr fragwürdig, und es gab auch schon (juristischen) Ärger deshalb. Ich finde auch, dass man an der Kompetenz eines Dozenten zweifeln kann, wenn dieser an der Universität in Alter Geschichte unterrichtet, dafür einen Master oder einen Magister benötigt, welcher wiederum ein Latinum voraussetzt, und dann den lateinischen Namen Mogontiacum auf dem „i“ betont. Ein Experte in alter Geschichte sollte doch genug Lateinkenntnisse haben, um solch einen Patzer zu vermeiden. *facepalm*

Auf jeden Fall haben wir hier wieder ein schönes Beispiel, wie eine Statistik gefälscht wurde, um eigene Fehler zu vertuschen oder die Verantwortung dafür jemand anderem in die Schuhe zu schieben. Deshalb sollte man solche Aussagen immer hinterfragen!

« - »

Keine Kommentare»»

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag- Trackback

Schreibe einen Kommentar!

Folgende HTML-Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> .

%d Bloggern gefällt das: