Should you always read the book first?

29.01.2017 cleaulem

Sollte man immer zuerst das Buch lesen?

Es ist eine Streitfrage, die so alt ist wie das Medium Film. Seit Bücher, genauer Romane, verfilmt werden, streiten sich die Fans beider Medien darüber, ob nun der Film oder dessen Romanvorlage nun besser sind? Okay, hier ist die Frage eine andere. Hier geht es darum, ob man zuerst die Vorlage lesen sollte, bevor man sich den Film anschaut.

Es gibt viele Filme, die weitaus populärer sind als ihre Romanvorlage. Ein Beispiel kann man hier im Artikelbild sehen: Das Schweigen der Lämmer. Sehr viele haben den Film gesehen, ohne den Roman, auf dem er basiert, gelesen zu haben. Der Film ist also eher ein Allgemeingut als umgekehrt. Dies führt unter anderem dazu, dass Romane oft das Filmplakat auf ihrem Cover abdrucken, um den Filmekenner zum Kauf des Buches zu bewegen.

Die Frage, ob nun der Film oder das Buch besser sind, ist ehrlich gesagt müßig. Dafür sind beide Medien viel zu verschieden. Filme sind ein visuelles Medium. Man sieht alles mit den eigenen Augen. Man muss sich nicht viel vorstellen, alles wird einem quasi auf dem Silbertablett serviert. Natürlich können auch Filme vieles nur andeuten, subtil auf Begebenheiten hinweisen und auch vieles der Vorstellung des Zuschauers überlassen. Doch ist dies um einiges schwerer als in einem Roman zu realisieren und auch oft schwerer ersichtlich.

Romane sind ein ausschließlich beschreibendes Medium. Wenn ein Roman nicht gerade illustriert ist (was wieder ein ganz eigenes Thema darstellt), dann muss man sich alles, was im Roman erzählt wird, vor seinem inneren Auge vorstellen. So wird der Roman erst im Kopf des Lesers zu einem Bild zusammengesetzt. Und dieses Bild ist von Leser zu Leser verschieden. Im Film ist es vor allem die Vorstellung des Regisseurs, die die Realisierung des Filmes und dem Bild, das dem Zuschauer geboten werden, bestimmt.

Und das ist gerade das Problem bei Romanverfilmungen: Der Zuschauer kann sich kein eigenes Bild der Figuren und der Szenerie machen. Das führt dazu, dass man, wenn man anschließend den Roman liest, zwangsläufig vom Film in seiner Vorstellung beeinflusst wird. Man hat nicht mehr die Gelegenheit, sich die Figuren vor dem inneren Auge selbst vorzustellen. Wenn wir „Das Schweigen der Lämmer“ lesen, dann werden wir immer Anthony Hopkins vor uns sehen, wenn im Roman Hannibal Lecter auftaucht. Selbst wenn Lecter im Roman vollkommen anders beschrieben wird, so kann man sich nur schwer von der Vorstellung loseisen, Anthony Hopkins vor sich zu haben.

Andersherum kann ein Film, den man sich anschaut, nachdem man den Roman gelesen hat, auch nur enttäuschen. Man geht mit seiner ganz eigenen Vorstellung der Szenerie und der Figuren in diesen Film rein. Und es ist nun einmal so, dass man sich vor allem mit dem wohlfühlt, das man bereits kennt. Und da kann der Film niemals mithalten. Egal, wie gut die Schauspieler sind, wie genau die Szenerie nach dem Roman gestaltet wurde. Es ist eine fremde Welt, und der Film kann niemals mit dieser Welt im eigenen Kopf mithalten.

Egal, ob man nun zuerst das Buch liest oder zuerst den Film schaut, irgendetwas bleibt immer auf der Strecke. Ich selbst versuche immer, beides voneinander zu trennen. Das Buch ist für mich das Buch, und der Film ist einfach nur der Film. Beides miteinander zu vergleichen ist eigentlich müßig. Das Buch kann ein literarisches Meisterwerk sein, das man in einem Zug verschlingt, weil es einfach so verdammt gut geschrieben ist. Dafür ist die Verfilmung umso mieser, mit schlechten Schauspielern, hölzernen Dialogen und zweifelhaften Änderungen an der Dramaturgie bis hin zu sinnentstellenden Kürzungen. Auf der anderen Seite kann das Buch nur Mittelmaß sein, während der Film von Ideen, Witz und guten Schauspielern nur so sprüht, so dass man ein unvergessliches Seherlebnis hat. Beides kommt vor.

Letztendlich muss man für sich selber wissen, ob man sich zuerst den Roman zu Gemüte führt oder zuerst den Film schauen will. Ich habe damals zuerst den Herrn der Ringe gelesen, bevor ich mir die Filme angeschaut habe, und es hat sich in jeder Hinsicht gelohnt. So konnte ich die Bücher genießen, ohne die Filme im Kopf zu haben. Das Buch und die Filme sind für mich zwei vollkommen verschiedene Dinge. Und 1:1 wäre der Herr der Ringe sowieso nicht verfilmbar. Dann würde der Film nämlich 40 Stunden dauern und wäre todsterbenslangweilig.

Man kann eigentlich erst im Nachhinein sagen, ob nun der Film oder das Buch zuerst besser gewesen wären. Ich möchte ja in der Regel immer erst das Buch lesen, und zwar deshalb, weil es mehr Inhalt hat als der Film. Man kann in einem Buch viel mehr Handlung, Ereignisse und Gedanken der Protagonisten unterbringen. Man hat mehrere hundert Seiten, die man mit den detailliertesten Beschreibungen füllen kann. Dies kann ein Film nicht bieten. Denn hier ist die Zeit der Feind der Erzählung. Im Buch kann man sich die Zeit nehmen, einen Augenblick genauestens zu beschreiben, mit all ihren Implikationen und Querverweisen. Im Film hat man dafür nur die tatsächliche Zeit zur Verfügung. Und mehr als zwei Stunden sollte ein durchschnittlicher Film nicht dauern, weil es für die Zuschauer sonst zu anstrengend wäre. Einen Film sieht man sich normalerweise in einem Rutsch an, ein Buch kann über mehrere Wochen gelesen werden.

Sollte man immer zuerst das Buch lesen? Die Antwort darauf ist ein zögerliches Jein mit einer starken Tendenz zum Ja. Auf jeden Fall ist es (fast) immer empfehlenswert. Natürlich wird die eigene Vorstellung das Filmvergnügen trüben. Und natürlich wird man sich sicherlich über manche Änderung ärgern, die zugunsten der Dramaturgie vorgenommen wurde (auch wenn es einige Änderungen gibt, die im Film besser gelöst wurden als im Buch). Aber es ist auf der anderen Seite unheimlich befriedigend, die Zusammenhänge zwischen Figuren und Ereignissen im Film besser nachvollziehen zu können, als es dem Zuschauer, der nur den Film kennt, überhaupt möglich ist. So kann man den Film auf eine ganz eigene Weise genießen.

Aber wie bereits gesagt: Es ist im Grunde jedem selbst überlassen. Schließlich muss man nicht beides, den Roman lesen und den Film schauen. Man kann sich auch nur mit dem einen oder dem anderen begnügen und das andere geflissentlich ignorieren. So kann man auch glücklich werden.

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