Zehn Bücher, die mein Leben verändert haben. Teil 1

09.02.2017 cleaulem

Ich würde mich selbst als Nerd bezeichnen, und zwar gleich in mehreren Sparten. Ich habe eine ausgeprägte Affinität zu Computern und Videospielen, auch wenn dies nicht mein Hauptgebiet ist. Dafür bin ich ein absoluter Sprachennerd (gibt es diesen Begriff überhaupt?). Ich bin Feuer und Flamme für alles, was mit Sprachen und Schriften zu tun hat. Und ich bin ein Büchernerd (Früher hätte man das bibliophil genannt. Aber hey, wir sind hier schließlich im 21. Jahrhundert!). Ich besitze insgesamt über 800 Bücher, Tendenz steigend.

Schon als Kind war ich ein ausgeprägter Bücherwurm. Ich sammle Bücher mit großem Eifer. Und ich habe so ziemlich alles: Sachbücher zu den unterschiedlichsten Themen, Romane, Kurzgeschichten, Grammatiken und Wörterbücher (nicht zu vergessen: ich bin ja ein Sprachennerd), Satiren, Sagen und Märchen. Leider habe ich längst nicht alle Bücher in meiner Sammlung gelesen, doch ich möchte behaupten, dass ich schon als Teenager mehr Bücher gelesen habe als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben.

Bücher sind mein Leben, oder zumindest ein sehr wichtiger Teil davon. Und einige sind mir dabei aus verschiedenen Gründen mehr ans Herz gewachsen als andere. Ein Paar dieser Bücher haben mich und meine Sicht auf die Welt dabei dermaßen geprägt, dass ich tatsächlich sagen kann, dass sie mein Leben verändert haben. Und so möchte ich hier zehn Bücher vorstellen, die ich im Laufe meines Lebens gelesen habe und die mich dabei wesentlich beeinflusst haben. Es ist natürlich nur eine subjektive Auswahl, doch darum geht es hier doch gerade. Und ich will nicht sagen, dass alle diese Bücher tatsächlich gut oder gar empfehlenswert sind (wobei keines davon wirklich schlecht ist).

Es gibt nicht das eine Buch, das mich vollkommen neu definiert hat. Deswegen ist diese Zusammenstellung auch nicht besonders geordnet. Jedes Buch ist eher ein Mosaikstein, das einen Teil meiner Persönlichkeit mitgestaltet hat. Ich habe also alle Bücher, die ich hier vorstellen kann, wild durcheinander gewürfelt. Die Reihenfolge stellt also keine Wertung in irgendeiner Richtung dar. Viel Spaß!

1. George Orwell: 1984

1984 ist brandaktuell wie schon lange nicht mehr. Momentan schießen die Verkaufszahlen dieses Romans im Zeitalter von „Fakenews“ und „Alternative Facts“ geradezu in die Höhe. Und kürzlich ist auch Richard Hurt gestorben, der in der genialen Verfilmung, die im Jahr gedreht wurde, in der der Roman spielt, den Protagonisten Winston Smith spielte.

Kurz zusammengefasst beschreibt der Roman die Gesellschaft in einem perfekten totalitären Staat. Es gibt nur noch drei Supermächte auf der Welt, die sich unentwegt bekriegen. Und das hat Methode. Denn wenn alle Produktionsgüter in unnötigen Kriegen verheizt werden, muss man den Lebensstandard der Bevölkerung nicht erhöhen, so dass man diese immer am Existenzminimum halten kann und sie keine aufrührerischen Gedanken entwickeln.

Noch eindringlicher ist aber der Umgang mit der Realität. Denn es gibt nur eine einzige Realität: Diejenige, die die Partei vorgibt. Und so arbeitet Winston Smith im Wahrheitsministerium daran, die schriftlichen Aufzeichnungen an den Narrativ der Partei anzupassen. Selbst wenn eine Behauptung der Partei eindeutig unwahr ist, soll das Parteimitglied daran glauben. Selbst wenn eine Behauptung der Partei einer anderen widerspricht, soll das Parteimitglied glauben, dass beide wahr sind. Dafür hat Orwell den Begriff „Doublethink“ geprägt. Das ist von den heutigen Fake News tatsächlich nicht sehr weit entfernt. Und da bekommen die Alternative Facts gleich einen ganz anderen Geschmack.

Und ich habe da tatsächlich nur die Oberfläche des orwellesken Wahnsinns angekratzt. Wenn ihr es noch nicht gelesen haben solltet: Lest unbedingt 1984! Denn mich hat dieses Buch sehr geprägt. So habe ich ein kritisches Bewusstsein dafür entwickelt, wie in der Politik vor allem mit Angst, Hass und Drohung die Bevölkerung beeinflusst wird. Wie heutzutage nach immer mehr Überwachung geschrien wird. Wie ein Feindbild (der Westen gegen den bösen Islamismus) aufgebaut wird, damit wir unsere Freiheit für eine vermeintliche Sicherheit aufgeben. Ich finde, dass es zum Szenario in 1984 und der heutigen Situation einige beunruhigende Parallelen gibt, die nicht zu leugnen oder zu vernachlässigen sind. Auch wenn ich häufig höre, dass man das so nicht streng sehen könne, die Tendenzen sind da. Natürlich sind die Einzelheiten dann doch ein wenig anders. Aber der totalitäre Geist ist in unserer und in anderen Gesellschaften sehr lebendig.

Wenn ich schon bei Orwell bin, muss ich unbedingt noch seinen anderen sehr populären Roman ansprechen: Animal Farm (Farm der Tiere). Auch dieses Werk ist eine saftige Kritik am Totalitarismus, die aber in Tiefe und Umfang nicht an 1984 heranreicht. Während Orwell in 1984 eine grundsätzliche Kritik am Totalitarismus formuliert, der bis in die letzte Konsequenz weitergedacht wurde, ist Animal Farm „nur“ eine Parabel über die russische Revolution von 1917 und ihrer Folgen. Jede Figur in dem Buch hat ein Pendant in der Wirklichkeit. Da haben wir den Farmer, der für den russischen Zaren steht. Da haben wir den Raben Moses, der für den orthodoxen Klerus steht. Da haben wir das Schwein Napoleon, der für Josef Stalin steht. Und wir haben Snowball, der Leo Trotzki darstellt. Zweifelsohne ein exzellenter Roman, doch 1984 ist eindeutig Orwells Hauptwerk.

2. Frederik Bodmer: Die Sprachen der Welt

Das zweite Werk in dieser Liste ist ein Beispiel für ein Buch, das mich entscheidend geprägt hat, obwohl es objektiv gesehen ziemlich schlecht ist. Ursprünglich ist dieses Buch Anfang der 1940er Jahre erschienen, und entsprechend angestaubt sind da auch die Sichtweisen, die Bodmer über diverse Sprachen vertritt. Trotzdem habe ich als Jugendlicher dieses Buch mit Begeisterung gelesen, was man unter anderem auch daran sieht, wie abgegriffen mein Exemplar ist, obwohl es sogar ein Hardcover ist. Und auch wenn letztendlich viel Blödsinn in dem Buch stand, habe ich doch auch viel nützliches daraus mitnehmen können, das ich in anderen besseren Werken vertiefen konnte.

Was für einen Blödsinn hat Bodmer denn nun in diesem Buch verzapft, dass es dermaßen schlecht ist? Mir ist sogar als Jugendlicher immer wieder sauer aufgestoßen, wie Bodmer auf Sprachen mit einer komplexen Morphologie herumhackt. Für ihn ist Englisch die tollste Sprache der Welt, weil sie den Ballast unnötiger Flexion von Bord geworfen habe. Das sehe man ja schon daran, dass England und die USA die absoluten Weltmächte seien. Ja, ist klar! Und die slawischen Sprachen haben ja eben auch noch ihre komplexe Flexion, weswegen sie es nie geschafft haben, zu den zivilisierten Nationen aufzuschließen. Und schließlich sind die Sprachen der Eingeborenenvölker in Afrika mit ihren Nominalklassen der Inbegriff der Primitivität, was man ja schon daran sehen kann, wie primitiv diese Gesellschaften verglichen mit den europäischen sind. Merkt ihr, was mich an dieser Sichtweise stört.

Inzwischen weiß ich genau, dass der Bau einer Sprache nichts mit der intellektuellen Leistungsfähigkeit ihrer Sprecher zu tun hat (obwohl es da gewisse Korrelationen gibt, aber das ist ein anderes Thema^^).

Immerhin vermittelte mir „Die Sprachen der Welt“ doch auch sehr viel Grundwissen zu linguistischen Themen, so dass ich selbst heute noch davon zehren kann. Für mich ist aber das „Wortmuseum“ das absolute Highlight des Buches. Dies ist eine umfangreiche thematisch geordnete Wörterliste, in der sowohl wichtige germanische und romanische Sprachen miteinander verglichen werden. Sehr nützlich, wenn man sich mit Komparatistik beschäftigt. Aus dieser Wortliste habe ich den Grundwortschatz für einiger meiner frühen Kunstsprachen entnommen. Allein das macht „die Sprachen der Welt“ für mich so bedeutsam. Lustigerweise ist dieser Grundwortschatz aber schon ziemlich angestaubt, so dass diese frühen von mir erfundenen Sprachen einige Wörter haben, die ein heutiger Mensch nie benutzen wird. 🙂

Ich kann also behaupten, dass Bodmer mich in meinem Sprachnerdtum sehr früh geprägt hat. Zum Glück haben die schlechten Passagen in dem Buch mich aber nicht allzu sehr verdorben. *g* Kleiner Gag am Rande: Meine Ausgabe ist ein Nachdruck einer Ausgabe aus den 1950er Jahren, der 1997 herauskam. Damals war die Rede davon, dass in nächster Zeit eine überarbeitete und aktualisierte Ausgabe herauskommen soll. Wenn ich mir das Buch aber so anschaue, dann wundert es mich nicht, dass es nie dazu kam. Denn dafür hätte man es im Grunde neu schreiben müssen, soviel veralteter Staub hängt zwischen den Zeilen. Als ich letztens mal wieder ins Buch reinschaute, war ich erstaunt darüber, dass ich diesen Blödsinn tatsächlich mal interessant fand. 😀

3. Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Kommen wir zu einem Buch, das mich weltanschaulich geprägt hat. Aufgewachsen bin ich in einem religiös gemäßigten Umfeld. Meine Eltern waren keine Fundichristen, die vor jeder Mahlzeit ein Tischgebet aufgesagt haben. Aber getauft wurde ich trotzdem. Ich bin auch in den Kindergottesdienst gegangen und wurde dann als Vierzehnjähriger konfirmiert. Und ich hatte in der Schule Religionsunterricht. Es gehörte einfach dazu, das macht man einfach so. Und so war für mich als kleiner Bengel klar, dass der liebe Gott im Himmel sitzt und auf uns aufpasst. Aber niemand ist hingegangen und hat mir das Evangelium als einzige Wahrheit reingeprügelt. Und die Hölle hat mir auch nie jemand angedroht.

Doch schon früh hat dieses Weltbild Risse bekommen. Ich war schon als kleiner Junge unheimlich neugierig und habe alle möglichen Bücher gelesen. Als Achtjähriger habe ich ein Lexikon durchgeblättert weil ich alles darin wissen wollte. Und so hat es sich langsam ergeben, dass sich mein Weltbild an der Realität da draußen angepasst hat. Und diese hat so gar nicht zu der Vorstellung eines allwissenden, allmächtigen Schöpfergott gepasst. Je mehr ich las und je mehr ich über die Welt lernte, desto weniger konnte ich den Gottesglauben für mich selbst akzeptieren.

Als Kind konnte ich die Bibel auch nicht wirklich ernstnehmen. Für mich waren das eher nette Geschichten, die uns als Kindern erzählt wurden, ohne Bezug zu unserem Leben. Es war halt nur immer seltsam, dass man um diese Geschichten so ein Theater wie Gottesdienste und Gebete gemacht hat. Wirklich ernst habe ich das nie genommen. Ich habe auch nie ernsthaft gebetet, sondern immer nur dann, wenn man es mir gesagt hat. Und Gottesdienste haben mich schon als Kind zu Tode gelangweilt. Religion war eine nette Märchenstunde, wo sich die Pfarrer immer nett verkleidet haben (eigentlich ist ein Gottesdienst doch dann eine Art Cosplay, oder? :-D).

Ich war also schon immer innerlich ein Atheist, oder besser gesagt: ein Agnostiker. Ich hatte mir nie so ernsthaft Gedanken gemacht, da die objektive Realität für mich ausschlaggebend war. Und in der habe ich nie einen Gott gesehen, wie er brennende Büsche und Feuersäulen erschaffen und Menschen in Salzsäulen verwandelt hat. Das waren nur Sagen, so wie die Erzählung von Thor, wie er auf einem Boot mit der Midgardschlange kämpft. Ich habe für mich selbst nie die Frage beantwortet, wie ich zur Religion überhaupt stehe. Einerseits habe ich mich für diese Frage nicht so brennend interessiert, andererseits war ich mir selbst nicht sicher, wie ich dazu stehen soll. Ich war schon in meiner Schulzeit mit dem französischen Existenzialismus in Berührung gekommen (dazu komme ich auch noch!), der in seiner Weltsicht auch atheistisch ist, und darin meine geistige Heimat gefunden. Doch die Aussage, dass ich Atheist bin und nicht an Gott glaube, die kam mir dabei nie eindeutig über die Lippen.

Das sollte sich ändern, als ich in der Unibibliothek das Buch „Der Gotteswahn“ von Richard Dawkins ausgeliehen hatte. Ich weiß nicht mehr im Detail, was in diesem Buch drinstand. Ich habe es vor zehn Jahren gelesen und besitze auch kein eigenes Exemplar (was ich vielleicht mal nachholen sollte). Aber ich fand Dawkins‘ Argumentation dermaßen schlüssig und überzeugend, dass ich das erste Mal in meinem Leben das Gefühl hatte, Gewissheit zu haben. Dawkins vertritt sein Weltbild sehr leidenschaftlich, und man kann sich sicher darüber streiten, ob er nicht manchmal ein wenig übers Ziel hinausschießt. Aber grundsätzlich vertrete ich seine Sichtweise auf die Religion und die Wissenschaft.

Dawkins hat mir unter anderem klargemacht, dass ich keine Religion brauche, um ethisches Handeln zu rechtfertigen. Dass Religion die Menschen bei der Suche nach der Wahrheit blendet und behindert. Und das macht dieses Buch für mich so wichtig. Es gibt viele, die dieses Buch gelesen haben und danach gesagt haben, dass es sie zu einem Atheisten gemacht hat. Und das trifft auf mich auch zu.

Es ist nicht so, dass ich mich schon vorher in irgendeiner Weise als Atheist gesehen habe. Ich habe sogar schon vorher Bücher darüber gelesen, unter anderem „Wir brauchen keinen Gott: Warum man jetzt Atheist sein muß“ von Michel Onfray. Dieser vertritt darin den Atheismus genauso leidenschaftlich wie Dawkins im „Gotteswahn“. Aber es hat mich nicht endgültig überzeugt. Dazu war Onfray einfach zu provokant. Er kam mir ständig wie ein gehetztes Tier mit Schaum vor dem Mund vor. Es war so schlimm, dass es teilweise ins Unsachliche abglitt. Und endgültig war es für mich vorbei, als Onfray anfing, die nationalsozialistische Ideologie mit dem Christentum in Verbindung zu bringen und Hitler als strenggläubigen Katholik darzustellen. Bei aller Liebe, aber das geht einfach zu weit. Hitler war alles andere als kirchentreu, das kann man aus den historischen Quellen sehr deutlich herauslesen. Und das Christentum hat gewiss genug Leichen im Keller, da muss man nicht auch noch mit der Nazikeule kommen.

Dawkins ist auch provokant in seinen Aussagen, und einen gewissen Radikalismus mag ich auch nicht unbedingt abstreiten. Aber sein Atheismus hat mich endgültig überzeugt. Sicher war ich vorher schon Atheist, doch endlich konnte ich dies auch für mich selbst klarmachen. Und deshalb ist „der Gotteswahn“ ein sehr wichtiges Buch für mich.

4. Art Spiegelman: Maus

Comics werden in Deutschland bis heute als Kinderkram wahrgenommen. Lustige Zeichnungen von harmlosen Figuren, die harmlose Geschichten erleben. Dass Comics auch Unterhaltung für Erwachsene oder sogar KUNST sein können, ist dem deutschen Feuilleton in seinem Elfenbeinturm bis heute nicht klar. Doch es gibt sie, die Erwachsenencomics. Es gibt sie, die Comics, die ernste und wichtige Geschichten erzählen. Und einer dieser Comics ist „Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“ von Art Spiegelman.

Art Spiegelman erzählt in diesem Comic die Geschichte seines Vaters, wie er den Holocaust überlebte. Zunächst im Ghetto, dann im Todeslager Auschwitz. Es ist eine erschütternde Geschichte, mit viel Gewalt und Tod. Nichts wird beschönigt, nichts weggelassen. Die Geschichte Wladek Spiegelmans wird in ihrer ganzen Tragik erzählt. Und doch bewahrt der Comic eine gewisse Distanz zur Realität. Da ist einerseits der nüchterne, fast schon abstrakte Zeichenstil. Andererseits haben wir die Elemente der Fabel, in der anthropomorphe Tiere auftreten. Die Juden sind Mäuse, die Deutschen Katzen. Polen werden als Schweine dargestellt (was dazu führte, dass in Polen dieses Buch öffentlich verbrannt wurde). Ich will die Interpretation hier nicht auf die Spitze treiben, dazu müsste ich mich genauer mit diesem Werk auseinandersetzen. Aber das wäre es wert!

Warum ist dieser Comic für mich so wichtig? Ich habe ihn als Jugendlicher gekauft. Damals waren Comics tatsächlich noch Kinderkram. Maus war der erste Erwachsenencomic, den ich jemals gelesen habe. Er hat mir gezeigt, wozu das Medium Comic in der Lage ist. Dass man damit ernste, erwachsene Geschichten erzählen kann. Die Zeichnungen und die Erzählweise haben mich in ihren Bann gezogen. Und die Geschichte hat mich in ihrer Heftigkeit tief getroffen. In der Schule werden die deutschen Schüler mit der Geschichte des Dritten Reichs regelrecht traktiert. Ich finde es wichtig, dass den folgenden Generationen klargemacht wird, was damals geschehen ist, damit sich so etwas nie mehr wiederholen kann. Doch es bleibt immer abstrakt. Was einem in der Schule erzählt wird, hat mit unserer Lebenswirklichkeit nicht viel zu tun. Dass in den Todeslagern sechs Millionen Juden umgebracht wurden, ist nur eine abstrakte Zahl, die viel zu unwirklich ist, um sich etwas darunter vorzustellen.

Mit Maus ist es anders. Da wird einem deutlich gezeigt, mit dem Medium Comic, mit der sequentiellen Bilderzählung, was es wirklich bedeutete, in Auschwitz zu sein und dort zu sterben. Ich war noch nicht erwachsen, als ich dieses Buch zum ersten Mal gelesen habe, aber ich habe einen großen Schritt zum Erwachsensein gemacht, als ich damit fertig war. Auch für meine Sichtweise auf das Medium Comic hat mich „Maus“ stark beeinflusst. Es hat mich in meinem Streben, Comiczeichner zu werden, stark vorangetrieben (auch wenn ich dies bis heute nicht geschafft habe, aber dazu später mehr). Maus hat mich zu einem ernsteren und bewussteren Menschen gemacht.

5. Annika Thor: En ö i havet

Und wieder haben wir hier ein Buch, das nicht deshalb für mich bedeutend ist, weil es so unfassbar gut ist oder weil sein Inhalt mich derartig geprägt hat. Was jetzt nicht heißen soll, dass es nicht gut ist. Denn es ist tatsächlich sehr gut. Nur: Es ist ein Jugendroman. Es ist das schwedische Buch „En ö i havet“ (Eine Insel im Meer) von Annika Thor.

Auch hier geht es mal wieder um das Dritte Reich. Zwei jüdische Mädchen werden 1939 aus Wien nach Schweden gebracht, um vor den Nazis sicher zu sein. Dieser Roman erzählt die Geschichte der zwölfjährigen Steffi und ihrer achtjährigen Schwester Nelli, wie sie zu einer Gastfamilie in den Schärengarten vor Göteborg ziehen. Es ist tatsächlich ein spannend geschriebenes Buch und ich habe es mit Freuden gelesen.

Warum ist dieses Buch so besonders für mich? Es ist das erste Buch, das ich auf Schwedisch gelesen habe. Es ist jetzt fast genau zehn Jahre her, als ich an der Universität schwedisch gelernt habe. Ich war mit Abstand der beste im Kurs. Ich konnte die Grammatik aus dem Effeff, und ich hatte immer brav alle Vokabeln gelernt. Doch irgendwann muss es auch mal ernst werden, irgendwann muss ich auch mal einen echten Text auf Schwedisch lesen. Und was eignet sich dazu besser als ein Jugendbuch? Ein Text auf muttersprachlichem Niveau, doch nicht zu kompliziert, so dass man als Neuling nicht vollkommen ins kalte Wasser geworfen wird.

Und genau so habe ich mich gefühlt, als ich anfing, dieses Buch zu lesen: Als würde mich jemand in ein Becken mit Eiswasser schmeißen. Ich habe fast nichts verstanden. Dieser Text, obwohl nicht übermäßig komplex, hat mich erst einmal komplett überfordert. So viele mir unbekannte Wörter, aus denen ich mir keinen Sinn reimen konnte. Es war richtig frustrierend. Ich hatte doch alles so gut gelernt, und dann soll ich an einem einfachen Jugendbuch scheitern? Aber es half ja nichts. Ich musste das Buch gelesen bekommen. Und so habe ich tatsächlich den Text Seite für Seite durchgeackert. Ich habe dabei folgende Taktik angewandt: Ich habe mit einem Bleistift beim Durchlesen einfach alle Wörter, die ich nicht kannte, markiert, um sie später dann im Wörterbuch nachzuschlagen.

Das Problem ist nur: Ich war zum Nachschlagen im Wörterbuch zu faul. Doch jetzt kommt etwas, das für mich damals wirklich augenöffnend war: War auf den ersten Seiten fast jedes zweite Wort markiert, so wurden es von Seite zu Seite weniger Wörter, die meinem Verständnis entgingen. Es geschah etwas Magisches: Ich fing an, mir viele Wörter, die öfter vorkamen, aus dem Zusammenhang zu erschließen. Und so wurde ich von Seite zu Seite sicherer. Wörter, die ich auf Seite 10 noch markiert hatte, waren mir auf Seite 30 schon verständlich.

Es ist wirklich ein Tipp, den ich jedem Sprachenlerner hier geben kann: Habt Mut zur Lücke! Das ist der Weg zum Erfolg. Wenn ihr eine Sprache lernt und am Anfang noch nicht alles so gut versteht, dann macht euch nichts draus. Wichtig ist nur, dass ihr den groben Zusammenhang begreift. Wenn ihr euch mit der Sprache auseinandersetzt, ohne euch in verwirrenden Details zu verheddern, dann wird sich euer Gehirn von ganz alleine darauf einstellen. Und nach und nach werdet ihr ein Gefühl für die Bedeutungen der Wörter bekommen. Viele Wörter werden sich euch auch aus dem Zusammenhang erschließen. Ich kam mir immer wieder vor wie ein verdammtes Genie, wenn ich die Bedeutung eines Wortes „entziffert“ hatte. So muss sich Champollion vorgekommen sein, als ihm der Durchbruch bei der Entzifferung der Hieroglyphen gelungen war.

Natürlich ist es einfacher, Schwedisch zu lernen als beispielsweise Russisch. Viele schwedische Wörter sind den entsprechenden Deutschen sehr ähnlich, so dass ich schon durch diese Transferleistung viel verstanden habe. Aber das hat eigentlich nur dazu geführt, dass es um einiges schneller ging. Als ich „En ö i havet“ angefangen hatte zu lesen, habe ich kaum etwas verstanden. Am Ende des Buches konnte ich fließend Schwedisch lesen. Das ist ein Erlebnis, das ich so noch nie hatte und seitdem auch nicht wieder. Ich habe seitdem dutzende Bücher auf Schwedisch gelesen, unter anderem sämtliche Kommissar Wallander-Romane von Henning Mankell. Doch „En ö i havet“ wird für mich immer ein besonderes Buch sein, denn es ist das erste Buch, das ich auf Schwedisch gelesen habe, der Sprache, die ich so sehr liebe.

Das waren die ersten fünf Bücher, die mein Leben verändert haben. Im nächsten Teil werde ich die anderen fünf vorstellen.

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Ein Kommentar»»

  1. […] Letztes Mal habe ich die ersten fünf von zehn Büchern, die mein Leben verändert haben, vorgestell… Jetzt will ich euch die letzten fünf vorstellen. […]

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