Zehn Bücher, die mein Leben verändert haben. Teil 2

11.02.2017 cleaulem

Letztes Mal habe ich die ersten fünf von zehn Büchern, die mein Leben verändert haben, vorgestellt. Jetzt will ich euch die letzten fünf vorstellen.

6. Scott McCloud: Comics richtig lesen

Als Kind und als Jugendlicher wollte ich Comiczeichner werden. Ich habe auch einige Comics in meiner Schulzeit gezeichnet, in denen vor allem Lehrer und meine Mitschüler aufgetreten sind und teilweise haarsträubende Abenteuer erlebt haben. Mir wurde auch immer wieder gesagt, wie talentiert ich sei.

Doch aus dem Traum des Comiczeichners ist nichts geworden. Und dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen war ich immer zu ungeduldig. Ich wollte sofort Ergebnisse sehen. Und Comiczeichnen ist eine langwierige Angelegenheit. Für eine einigermaßen detailliert ausgearbeitete Comicseite braucht ein Zeichner mehrere Stunden bis Tage. Ich habe meine Ergüsse immer in Reinform aufs Papier geklatscht, was man auch sieht. Die Zeichnungen, die ich in meiner Jugend fabriziert habe, sind teilweise sehr grob. Ich hatte wirklich Talent, aber einfach nicht die Geduld, meine Zeichnungen sorgfältig auszuarbeiten.

Ein anderer Grund waren meine Lebensumstände. Seit meiner Oberstufenzeit war ich in einer Liebesbeziehung, die mich sehr viel emotionale Kraft gekostet hat. Leider mehr, als gesund für mich war. Und eine Folge davon war, dass ich viele Jahre lang weder die Kraft noch die Lust hatte, mich so viel kreativ zu betätigen, wie ich es mir gewünscht hätte. Außer dem Comiczeichnen erfinde ich auch künstliche Sprachen. Und beide Tätigkeiten lagen mehr als ein Jahrzehnt mehr oder weniger auf Eis. Ich habe nicht nichts gemacht, aber wirklich etwas zustande gebracht habe ich auch nicht.

Dies soll sich ändern. Ich habe diese belastende Beziehung hinter mir gelassen und will mich mehr meinen Leidenschaften widmen. Also den Kunstsprachen und, natürlich, dem Comiczeichnen. Demnächst will ich auch einen eigenen Blog nur mit meinen Comics erstellen. Mal schauen, wann ich dazu kommen werde. 🙂

Ich habe natürlich auch Bücher zu dem Thema gelesen. Ich bin ja auch ein neugieriger Bücherwurm. Und das für mich wohl wichtigste Buch zu diesem Thema ist „Comics richtig lesen – die unsichtbare Kunst“ von Scott McCloud. Dieses Buch ist bereits 1993 erschienen, und es ist eine der ersten ernsthaften Versuche, sich dem Thema Comic aus einer seriösen Sicht zu nähern. Alleine die Form ist schon wunderbar, denn das Buch selbst kommt als Comic daher und erklärt die Besonderheiten dieses Mediums am Medium selbst.

In den einzelnen Kapiteln beschäftigt sich McCloud mit einzelnen Aspekten des Mediums Comic. Er gibt einen geschichtlichen Überblick, legt dar, was den Comic von anderen Medien unterscheidet und behandelt die erzählerischen Besonderheiten des Comics. Er zeigt, wie die Darstellung von Zeitabläufen in Comics realisiert wird und welche Arten von Übergängen es zwischen den Panels gibt. Ein besonders interessantes Phänomen ist dabei die Induktion. Das heißt einfach nur, dass die Geschehnisse zwischen zwei Panels in einem Comic sich lediglich im Kopf des Lesers abspielen. Als Beispiel lässt McCloud einen Mann axtschwingend auf einen anderen Mann zulaufen, der verängstigt zu fliehen versucht. Im nächsten Panel sieht man die Skyline einer Großstadt und die onomatopoetische Darstellung eines lauten Aufschreiens. Natürlich denkt jetzt jeder, dass es der Schrei des Mannes ist, der von dem axtschwingenden Irren zerstückelt wird. Aber das wird ja nicht gezeigt. Scott McCloud sagt zugespitzt, dass wir, die Leser, es sind, die diesen Mord in unserem Kopf begangen haben.

Klingt das interessant? Das ganze Buch ist voll von solchen interessanten und oft überraschenden Feststellungen über das Medium Comic. Ich habe mir dieses Buch als Jugendlicher gekauft, als mein Interesse für Comics am größten war. Und es hat meine Sicht auf dieses Medium stark geprägt. Ich bin ein absoluter Verfechter der Ansicht, dass Comics eine Kunstform sind (wie ich es schon bei Art Spiegelmans „Maus“ geschrieben habe). Und so denke ich auch, dass Comics mehr sind als seichte anspruchslose Unterhaltung, die keiner Betrachtung im kulturellen Diskurs wert ist. Heute noch rümpfen viele „Kulturschaffende“ die Nase über Comics. Aber ich finde, dass die einfach nur keine Ahnung haben. Vielleicht sollten sie alle McClouds „Comics richtig lesen“ lesen. Oder auch dazu noch dessen Nachfolger „Comics neu erfinden“, in dem McCloud auf die Entwicklung der Comics im kulturellen Diskurs in den Vereinigten Staaten eingeht. Als Schmankerl für Feministen: Er geht darin auch auf die Situation von weiblichen Zeichnerinnen ein, was ich persönlich auch sehr wichtig finde.

„Comics richtig lesen“ hat meine Sichtweise zum Medium Comic im künstlerischen und im kulturellen Sinne entscheidend geprägt. Und es hat mich selbst inspiriert, meine eigenen Comics besser zu machen. Ich habe viel über die Erzählform der Comics gelernt. Will man sich wirklich ernsthaft mit Comics beschäftigen, sei es als Zeichner oder einfach nur als Leser, dann kommt man an diesem Buch nicht wirklich vorbei.

7. Hermann Hesse: Demian

Es war ja klar, dass das auch kommen muss. Der Selbsterfahrungstrip, das Werk, an dem man sich als Jugendlicher in einer komplexen, einem vollkommen unverständlichen Welt orientiert. Für mich war eines dieser Bücher eben der Demian von Hesse. Damals habe ich diesen Roman in der Schule gelesen, und er kam sogar in meiner mündlichen Abiprüfung in Deutsch vor (auf die ich exzellente 14 Punkte bekommen habe *g*). Im Deutschunterricht liest man so einige Werke, die man auf den Tod nicht ausstehen kann (Gottfried Keller *kotz*), aber Demian war ein Roman, bei dem mir das Lesen richtig Spaß gemacht hat.

Was macht nun den Reiz von „Demian“ aus? Es ist glaube ich einfach die Tatsache, dass Hesse darin halb autobiographisch die Entwicklung eines jungen Menschen, der in seinem Heranwachsen in einer in sich widersprüchlichen Welt Orientierung sucht, aufzeigt. Er beschreibt das behütete Aufwachsen des Protagonisten in der „hellen Welt“ des Elternhauses und die Berührung der „dunklen Welt“ außerhalb. Dem jungen Emil Sinclair, so der Name des Protagonisten, begegnet dann der besonders frühreif wirkende Max Demian, der für den jungen Sinclair zu einer Art Vorbild wird.

Demian fordert die bisherigen Ansichten Sinclairs heraus und bringt ihn schließlich dazu, bisherige Glaubensvorstellungen über die Welt und ihrer Funktionsweise in Frage zu stellen. Schließlich findet Sinclair nach einer spitrituellen Tour de Force seinen eigenen Weg und schließlich sich selbst.

Ich hoffe, ich habe den Inhalt nicht zu grob vereinfacht oder gar falsch wiedergegeben. Ich muss zugeben, ich habe das Buch seit meiner Schulzeit nie mehr ganz gelesen, was ich wohl mal wieder nachholen sollte. Aber ich habe doch einiges von diesem Buch mitgenommen. Denn ich habe es zu einer Zeit gelesen, als ich selbst in einer Phase der Orientierung war und im Begriff war, mein Weltbild zu entwickeln und zu festigen. Und dabei hat mich „Demian“ begleitet und inspiriert. Gerade unter Jugendlichen ist „Demian“ zusammen mit Hesses „Steppenwolf“ sehr beliebt. Ich habe den Steppenwolf leider noch nicht gelesen, aber immerhin habe ich ihn bei mir im Bücherregal stehen. Also ist der wohl auch demnächst Pflichtlektüre. 🙂

In meinem Bekanntenkreis bin ich auch nicht der einzige Demian-Fan. Eine Freundin von mir ist auch ein großer Fan dieses Buches. Und dabei ist sie nicht einmal Deutsche, sondern Polin. Sie hat das Buch nicht in der Schule gelesen, sondern ist auf andere Wege dazu gekommen. Und das zeigt, wie beliebt „Demian“ bei Lesern auf der ganzen Welt natürlich ist. Mir hat dieses Buch auch sehr viel gegeben, weswegen es für mich zu meiner Top Ten der für mich einflussreichsten Bücher einfach dazu gehört.

8. Daniel Kahnemann: Schnelles Denken, langsames Denken

Die meisten Bücher, die ich hier vorstelle, habe ich vor langer langer Zeit gelesen, als ich noch minderjährig war. Ja, damals war ich eben noch leicht zu beeinflussen. Ich musste mir mein Weltbild noch aufbauen. Und so war ich entsprechend formbar. Heute ist es ja eher so, dass alle Bücher, die mir heute vor die Linse kommen, höchsten noch ein kurzes Heben der Augenbraue entlocken können, ehe ich es zu den anderen Büchern hinlege und dessen Inhalt in meinem Gedankenhaus in ein bestimmtes Zimmer einquartiere, wo es sich mit den anderen Gedanken und Ansichten hineinquetschen muss. Als Kind und Jugendlicher war alles für mich neu und aufregend. Ich kannte einfach noch nicht so vieles. Heute habe ich von den meisten Sachen zumindest schon mal gehört und ich kann sie zumindest grob irgendwie einordnen.

Doch ich habe hier ein Buch, dass ich tatsächlich erst letztes Jahr gelesen habe. Und obwohl ich schon über dreißig bin, hat es mein Weltbild schwer erschüttert. Es ist das Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahnemann. Ich habe dieses Buch letztes Jahr in Schweden entdeckt, weswegen ich es auch auf Schwedisch gelesen habe. Ich habe mir aber jetzt auch die deutsche Version besorgt. Nicht, weil ich das Buch auf Schwedisch nicht verstanden hätte, damit hatte ich keine Probleme. Sondern weil es dieses Buch inhaltlich dermaßen in sich hat, dass ich es auch auf Deutsch lesen will, damit ich es anderen eben auch auf Deutsch erklären kann.

Kahnemann ist Psychologe, und er hat für seine psychologischen Forschungen in der Wirtschaftswissenschaft 2002 den Wirtschaftsnobelpreis  bekommen. Sein Spezialgebiet sind Urteilsheuristiken und kognitive Verzerrungen, die auch das Thema in „Schnelles Denken, langsames Denken“ sind. Zunächst einmal beschreibt er das Denksystem des Gehirns. Es ist nämlich so, dass es zwei weitgehend voneinander unabhängige Denksysteme gibt, die Kahnemann (originellerweise) System 1 und System 2 nennt. System 1 ist dabei das intuitive System, das Entscheidungen aufgrund von eingeübten Erfahrungen und blitzschnellen Einschätzungen trifft. Es ist der unbewusste Teil unseres Denkens, das ohne besondere Anstrengung funktioniert. Zum Beispiel machen wir uns beim Autofahren nicht jeden Handgriff einzeln bewusst. Das erledigt System 1 für uns. System zwei ist nun das langsame, bewusste, rational überlegte Denken. Dies tritt z.B. in Aktion, wenn wir eine komplexe Rechenaufgabe lösen. Oder, um beim Autofahren bleiben, wenn wir uns überlegen, wo wir eigentlich hinfahren wollen und ob wir dafür nach rechts oder nach links abbiegen müssen. Das Problem ist: System 2 hat nur begrenzte Ressourcen, weswegen es so viele Aufgaben wie möglich an System 1 weiterreicht, das ohne besondere Anstrengung arbeitet.

Nun ist der Knackpunkt in diesem Buch, dass Kahnemann darin aufzeigt, welche Fehler System 1 und System 2 so alles unterlaufen, wenn es darum geht, Situationen einzuschätzen und Handlungsentscheidungen zu treffen. Denn es ist tatsächlich so, dass uns diese Fehler, die mit dem Begriff „kognitive Verzerrung“ bezeichnet werden, nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind. Ich bemühe hier mal die Wikipedia:

Er beschreibt, wie „kognitive Leichtigkeit“ bestimmte unrealistische Denkweisen fördert.

Zudem legt er dar, wie das Gehirn zu voreiligen Schlussfolgerungen aufgrund unvollständiger oder falscher Informationen kommt (Halo-Effekt; „What you see is all there is“ – WYSIATI).

Im Unterkapitel zu Urteilsbildung wird untersucht, wie schwer es für das Gehirn ist, statistisch aufgrund von Mengen zu denken.

In einem Unterkapitel zu Heuristiken (Faustregeln) zeigt Kahneman, wie Menschen schwierig zu beantwortende Fragen durch leichtere ersetzen.

Wir begehen also tagtäglich Denkfehler. Und das ist das bahnbrechende für mich an diesem Buch: Es hat mir aufgezeigt, in welchem Ausmaß und in welcher Qualität diese Fehler auftreten. Dass Menschen nicht immer perfekt sind und dass sie aufgrund von begrenzten Informationen Fehlentscheidungen treffen, war mir schon früher mehr oder weniger klar. Aber Kahnemann hat mir erstmals deutlich aufgezeigt, wie gravierend diese Denkfehler sind. Ich dachte früher, dass diese kognitiven Verzerrungen ab und zu auftreten, aber dass wir im Großen und Ganzen doch ziemlich vernünftig denken. Doch ich musste einsehen, dass logisches, überlegtes Denken eher die Ausnahme darstellt. Es ist wirklich erstaunlich, welche Fehler wir beim Denken begehen.

Fast noch wichtiger ist eigentlich die Tatsache, dass das, was wir häufig für logisches Denken halten, eben kein Produkt von ausgereiften Überlegungen ist, sondern dass wir da unserem faulen Gehirn auf dem Leim gehen, das uns vorgaukelt, unsere Entscheidungen seien rational. Das Buch hat über 500 Seiten, ist also ziemlich umfangreich. Aber es deckt dafür auch eine immense Bandbreite an Themen und psychologischen Vorgängen auf.

Dieses Buch hat mein Leben insofern verändert, als dass ich jetzt tatsächlich ein kritisches Bewusstsein für Heuristiken und kognitiven Verzerrungen im Alltag gewonnen habe. Ich habe schon früher viele Denkmuster als unlogisch wahrgenommen, ohne aber den Finger in die Wunde legen zu können. Jetzt aber kann ich in vielen Fällen Denkfehler identifizieren und benennen. So kann ich meine eigenen Entscheidungen immer kritisch hinterfragen und überlegen, ob ich eine Entscheidung aufgrund kognitiver Faulheit oder tatsächlich aus logischer Schlussfolgerung getroffen habe. Und dasselbe kann ich auch besser bei anderen feststellen. „Schnelles Denken, langsames Denken“ hat also mein Leben im Alltag deutlich beeinflusst, so dass ich gegen den Bullshit anderer eine gute Immunität entwickelt habe.

9. Subversion zur Prime-Time

Wer kann sich noch daran erinnern, als „Die Simpsons“ eine gute Serie war. Die ersten zehn Staffeln, also alles, was vor 2000 kam, war einfach nur genial, auch wenn schon ab Staffel 9 die ersten Verfallerscheinungen auftraten. Die Serie war eine beißende Gesellschaftssatire, mit fabelhaftem Witz, mitreißenden Plots und fantastisch überdrehten Figuren. Ich bin tatsächlich ein Fan der ersten Stunde. Ich kenne die Serie sogar noch aus der Zeit, als sie noch auf ZDF lief. Oh ja, die Simpsons liefen in der Anfangszeit nicht auf Pro Sieben, sondern auf ZDF. Das werden wahrscheinlich die wenigsten wissen. Und ich bin auch ein bisschen stolz darauf, dass ich damals die allererste Episode der Simpsons, die überhaupt im deutschen Fernsehen lief, gesehen habe. *g*

Ich finde es fürchterlich, dass nach der zehnten Staffel diese Serie nur noch eine einzige Zumutung war. Eigentlich müsste ich sogar sagen „ist“, denn sie läuft ja noch. Die tote Kuh wird bis heute immer noch gemolken, weil sie noch einigermaßen Einschaltquote bringt. Was leider dazu führt, dass es zehn fantastische Staffeln gibt und dagegen 17 Staffeln, die einfach nur Müll sind. Die Plots in den neuen Staffeln sind uninspiriert und lahm. Ständig kommen irgendwelche neuen Figuren vor, die total over the top sind. Ich habe seit mindestens einem Jahrzehnt aufgehört, die jeweils neuen Folgen der Simpsons zu gucken. Seit Jahren bin ich schon nicht mehr auf dem Laufenden. Und ich bereue es leider nicht. Wenn ich dann mal einen Fetzen einer ganz neuen Folge zu sehen bekomme, dann schalte ich bald schon wieder weg, weil es einfach nicht auszuhalten ist.

In der deutschen Synchronfassung kommt noch hinzu, dass die Hauptfiguren Marge und Homer seit dem Tod von Elisabeth Volkmann und Norbert Gastell nun vollkommen andere Stimmen haben. Das sind nicht Marge und Homer, mit denen ich aufgewachsen bin. Das trägt wahrscheinlich auch dazu bei, dass ich die Serie einfach nicht mehr gucken kann. Die alten Folgen dagegen gehen immer. Ich kann viele Folgen fast schon auswendig mitsprechen, und trotzdem kriege ich einfach nicht genug davon. Am tollsten ist es, wenn ich nach vielen Jahren bestimmte Anspielungen verstehe, die mir zuvor nicht bewusst waren. In der Hinsicht ist die Serie ein Schatz, der mir bis heute etwas zu geben hat. Aber halt nur die ersten Staffeln. Es ist schon traurig, dass die Serie dermaßen verkommen musste. Spätestens als sie den Kinofilm herausgebracht hatten (den ich übrigens entgegen meiner Erwartungen super fand) hätten sie die Serie endgültig begraben sollen. Stattdessen haben sie jetzt inzwischen weitere zehn schlechte Jahrgänge produziert.

So genial, wie ich die Serie als Kind und jugendlicher fand, war mir doch nicht vollkommen bewusst, auf wie vielen Ebenen die Simpsons genial waren. Das änderte sich, als ich mir als 16-jähriger das Buch „Subversion zur Prime-Time. Die Simpsons und die Mythen der Gesellschaft“ kaufte. Es ist eine Aufsatzsammlung, in der die Simpsons medienwissenschaftlich anhand verschiedener Aspekte untersucht werden. In diesem Buch habe ich das erste Mal den Begriff „postmodern“ gelesen, der für die Simpsons verwendet wurde. Noch ganz unbefangen habe ich staunend erfahren, wie revolutionär und hintergründig genial diese Serie eigentlich war und wie sie den Prototyp der Postmoderne darstellte. Später habe ich gelernt, die Konzeption der Postmoderne leidenschaftlich zu hassen. Doch in diesem Buch finde ich sie sogar sehr passend. Denn die Simpsons beschränken sich nicht darauf, sich in ihrer Postmodernität selbst unheimlich toll und einfallsreich zu finden.

Die Aufsätze behandeln die verschiedensten Aspekte der Serie. Anspielungen von Filmen, Fernsehserien und Büchern, die Dekonstruktion gesellschaftlicher Normen, die Satire auf Mythen der Gesellschaft. Was ist zum Beispiel typisch amerikanisch und wie gehen die Simpsons damit um? Was ist die Rolle der Frau in der westlichen Gesellschaft und wie wird dieses Rollenbild in den Simpsons dargestellt? Ich habe aus diesem Buch unheimlich viel gelernt, einerseits über die Simpsons und die tatsächliche Tiefgründigkeit der Serie, aber auch über Medientheorie und Gesellschaft an sich. Dieses Buch hat mich sehr stark inspiriert, weswegen es in dieser Liste auf keinen Fall fehlen darf. Kleiner Funfact am Rande: Durch dieses Buch habe ich Douglas Adams‘ „Per Anhalter durch die Galaxis“ kennengelernt. Allein dadurch hat sich die Lektüre schon gelohnt. 😉

Alles, was in den Aufsätzen in dem Buch behandelt wird, bezieht sich übrigens auf die ersten zehn Staffeln. Die haben auch schon gemerkt, dass die Serie allmählich den Bach runterging und haben das auch entsprechend kommentiert. Man kann also feststellen, dass die Serie tatsächlich schlechter geworden ist.

10. Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos

Ich habe ja am Anfang der Liste geschrieben, dass diese Liste keine besondere Reihenfolge hat. Das ist nur halb wahr. Denn das wichtigste Werk in dieser Liste habe ich mir für das Finale aufgehoben. „Der Mythos des Sisyphos“ von Albert Camus ist das Buch, das mich wohl am meisten geprägt hat. Denn es transportiert mein gesamtes Weltbild.

Ich bin zum ersten Mal in der 11. Klasse im Philosophieunterricht (ja, ich hatte in der Oberstufe Philosophie) mit dem Existenzialismus in Kontakt gekommen. Damals wurde uns das Werk von Jean Paul Sartre erklärt. Und ich konnte so überhaupt nichts damit anfangen. Erst ab der zwölften Klasse, wo wir uns in Philosophie noch einmal genauer mit dem Existenzialismus auseinandergesetzt hatten und nachdem wir im Französisch-Leistungskurs (ja, ich hatte in der Oberstufe Leistungskurs Französisch, was bei fast allen, denen ich das erzähle, Erstaunen auslöst) die Werke von Sartre und Camus gelesen hatte, ist meine Leidenschaft für den Existenzialismus endgültig ausgebrochen. Es hatte sich einfach mit meiner eigenen Erfahrung und meinem bisherigen Weltbild vollkommen gedeckt und hat mir neue Impulse für meine Weltsicht gegeben.

Ich will jetzt nicht genau erklären, was es mit dem Existenzialismus so auf sich hat. Die Erklärung in der Wikipedia ist dafür allemal gut genug. Der Existenzialismus geht davon aus, dass es ein „An-Sich“ gibt, was die pure Existenz darstellt. Dieses An-Sich ist einfach nur da, ohne einen bestimmten Zweck zu erfüllen. Nun hat der Mensch ein „Für-Sich“, was man mit dem menschlichen Bewusstsein bzw. der menschlichen Vernunft gleichsetzen kann. Dieses Für-Sich hat die Fähigkeit, nicht nur das zu erkennen, was „an-sich“ da ist, sondern auch das zu erkennen, was nicht ist. Diese Fähigkeit zur Negation ist das, was den Menschen ausmacht. Das führt dazu, dass der Mensch gewissermaßen in die Welt geworfen ist und sich in dieser sinnleeren Welt selbst entwerfen muss. Sartre hat es so ausgedrückt, dass wir „zur Freiheit verurteilt“ sind. Das bedeutet letztendlich, dass wir für alle unsere Handlungen und Entscheidungen selbst verantwortlich sind. Dies ist natürlich mit einem Schöpfergott, der den Menschen nach einem bestimmten Konzept und einer bestimmten Absicht erschaffen hat, nicht vereinbar. Dies erklärt auch ein Stück weit meinen Atheismus. Dieses Konzept ist in Sartres Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ auf gut 1100 Seiten in aller Ausführlichkeit erklärt. Ich habe mich fürs Abitur durch Ausschnitte aus dem Buch durchgearbeitet, was eine ziemliche Plackerei war. Denn das Buch ist alles andere als einfach zu lesen. Naja, ich will es trotzdem irgendwann mal probieren. Denn schließlich baue ich auf diesem Buch mein Weltbild zu einem großen Teil auf.^^

Wobei das Werk von Albert Camus mich eigentlich noch mehr beeinflusst hat als Sartre. Denn Sartre hat aus seiner Philosophie meiner Meinung nach die falschen Schlüsse gezogen. Er hat sich in späteren Jahren dem Kommunismus zugewandt und auch die politische Unterdrückung in der Sowjetunion gerechtfertigt. Und das ist für mich ein absolutes No-Go. Camus hat aus dem Existenzialismus andere Schlüsse gezogen. Lustigerweise bezeichnete er sich selbst explizit nicht als Existenzialist. Aber seine Philosophie ist eindeutig existenzialistisch. Camus geht in seiner Philosophie davon aus, dass wir in eine Welt geworfen sind, die nicht vernünftig ist. Der Mensch mit seinem Für-Sich sucht in der Welt mit ihrem An-Sich einen Sinn. Wir stellen uns die Frage nach dem Sinn des Lebens. Doch diesen Sinn gibt es nicht. Wir fragen die Welt nach ihrer Vernunft, und sie schweigt uns an. Diese Spannung zwischen der Erwartung des Menschen und der sinnlosen Existenz nennt Camus „das Absurde“. Unsere Existenz ist durch unser Streben nach Sinn absurd. Wir können in dieser Welt keinen Sinn finden, außer wir schaffen ihn uns selbst. Und dies geht nur, wenn man sich die Sinnlosigkeit der Welt und der Existenz eingesteht. Erst dann kann man sich gegen diese Sinnlosigkeit der Existenz auflehnen. Camus nannte das „die Revolte“. Wir müssen gegen die Absurdität unserer Existent revoltieren, auch wenn wir wissen, dass diese Revolte am Ende trotzdem ergebnislos bleiben wird.

Und hier spielt der Mythos des Sisyphos hinein. Es ist eine Sammlung philosophischer Essays von Camus, die seine Philosophie erklären. Einer dieser Essays hat dabei den gleichen Titel wie die Sammlung. Darin beschreibt Camus den Sisyphos, der von den Göttern zu ewiger Mühsal verurteilt wurde, indem er den Stein, der immer wieder nach unten rollt, auf einen Berg schaffen soll. Für Camus ist Sisyphos trotz seiner ewigen Verdammung glücklich. Denn er ist sich bewusst, dass dies sein und ganz allein sein Schicksal ist, das er so gestalten kann, wie er es möchte. Er kann die Götter verhöhnen, und niemand kann ihn daran hindern. Mein Lieblingssatz in diesem Aufsatz lautet: „Es gibt kein Schicksal, das nicht durch Verachtung überwunden werden kann.“

Dieses Werk und auch andere Werke von Camus (u.a. „der Fremde“ oder „die Pest“) haben mich unglaublich geprägt. So sehr, dass ich mich sogar als „Absurdist“, auf jeden Fall aber als Existenzialist bezeichnen würde. Camus‘ Philosophie ist in so ziemlich jeder Hinsicht stichhaltig und nachvollziehbar, und sie deckt sich absolut mit meinen eigenen Erfahrungen. Und sie gibt mir auch sehr viel. Wenn es mir mal schlecht geht und ich mich mit mir selbst unwohl fühle, dann kann ich mir Camus Werk ins Gedächtnis rufen, das mich gelehrt hat, dass ich selbst der Herr meines eigenen Schicksals bin und dass ich es selbst bin, der meiner Existenz einen Sinn verleiht. Und auch wenn dies für viele nach einer Horrorvorstellung klingt, weil sie so alleine ohne Hilfe auf sich gestellt sind, so finde ich diesen Gedanken tatsächlich sehr tröstlich.

Nachwort

Das waren sie also, die Bücher, die mich am meisten beeinflusst haben. Leider musste ich mich auf eine bestimmte Anzahl beschränken, da die Liste sonst viel zu umfangreich geworden wäre. Ich musste den Artikel ja schon in zwei Hälften teilen. Trotzdem will ich hier noch ein paar Bücher zumindest nicht unerwähnt lassen. So muss ich unbedingt die Romane von Henning Mankell, einem der bekanntesten schwedischen Schriftsteller, erwähnen. Leider ist er vorletztes Jahr nach einer schweren Krebserkrankung gestorben. Ich habe sämtliche Romane der Kommissar Wallander-Reihe von Mankell gelesen. Und ich besitze sogar ein Buch von ihm, dass er mir persönlich signiert hat. Ist ja klar, dass ich dieses Exemplar wie einen Schatz hüte. ^^

Für meine Entwicklung als Jugendlicher sind auch die Bücher von Michael Moore wichtig. Man kann ihn natürlich kritisch sehen, weil er einen recht polemischen Stil hat. Aber seine Bücher haben mich, was meine politischen Ansichten angeht, doch nachhaltig geprägt, und zwar in Richtung eines kritisch denkenden Menschen.

An Büchern über Sprache will ich noch die populärwissenschaftlichen Werke von Guy Deutscher erwähnen. „Du Jane, ich Goethe“ und „Im Spiegel der Sprache“ sind zwei Werke, die meine Sichtweise auf Sprachen sehr stark geprägt haben.

Ansonsten fällt mir jetzt kein spezifisches Werk mehr ein, das mich dermaßen tief geprägt hat. Das liegt aber eher daran, dass es so viele sind. Es gibt dermaßen viele gute Bücher, die mich beeinflusst haben, dass ich die unmöglich alle hier aufzählen kann. Viele haben vielleicht nur ein kleines Puzzlestück zum Mosaik meiner Persönlichkeit beigetragen, das ganz klein und unbedeutend erscheinen mag, das ich aber auch nicht missen wollte.

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