Biologismus oder Kultur?

06.03.2017 cleaulem

Ich bin schon seit langer Zeit den Gender-Studies gegenüber skeptisch eingestellt. Vor allem störe ich mich an ihrem Anspruch auf Absolutheit. Will sagen: Sie haben eine Theorie aufgestellt, die ohne Abstufungen und Ausnahmen in jeder Situation allgemeingültig ist. Hier geht es darum, dass nach den Gender-Studies das Konzept von Geschlecht einzig und allein ein soziales Konstrukt sei und dass sämtliche Unterschiede zwischen den „biologischen Geschlechtern“ schlicht und ergreifend nur auf sozialen Konventionen basieren und in Wirklichkeit nicht vorhanden sind.

Ich bin im Grunde der Ansicht, dass Gender Studies keine Wissenschaft sind, weil sie nicht falsifizierbar sind. Ich möchte mich hier aber nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, denn ich bin in diesem Bereich kein Fachmann. Ich habe einfach nur anhand meines Kenntnisstands und meines Weltbildes den Schluss gezogen, dass Gender-Studies nicht den Ansprüchen einer echten Wissenschaft genügt. Sollte es aber doch Beweise dafür geben, lasse ich mich natürlich gerne eines Besseren belehren…

Worum soll es hier also gehen? Es gibt außer mir doofen Laien natürlich noch andere Menschen, die sich besser in der Materie auskennen und die auch der Meinung sind, Gender-Studies seien eine Pseudowissenschaft. Zu diesen Menschen zählt Ulrich Kutschera, seines Zeichens Evolutionsbiologe. Das erste Mal bin ich über Fefes Blog auf ihn Aufmerksam geworden. Dieser Beitrag verlinkt auf einen Artikel bei der FAZ, wo Gender-Studies mit Kreationismus verglichen wird:

Dort hatte der Kollege über eine Tagung von Evolutionsbiologen in San José in Kalifornien zum Thema „Kreationismus in Europa“ berichtet, wo neben der deutschen Anti-Darwin-Bewegung auch der „Genderismus“ scharf kritisiert wurde: „Die Diskussion in San José führte zum folgenden Konsens: Evolutionsbiologen sollten den Genderismus, eine universitäre Pseudowissenschaft, die den deutschen Steuerzahler jährlich viele Millionen Euro kostet, mit demselben Ernst analysieren und sachlich widerlegen wie den damit geistesverwandten Kreationismus.“

Oha, Gender-Studies sind mit dem Kreationismus geistesverwandt. Das passt auch irgendwie auf meine Beobachtungen, die ich am Rande von diesem Forschungszweig machen konnte. Doch danach ist es in meinem Radar um Kutschera sehr still geworden. Ich hatte nur im Hinterkopf, dass er dieser Evolutionsbiologe war, der fachlich berechtigte Kritik an den Gender-Studies hervorgebracht hat.

Doch das hat sich heute schlagartig geändert, als mir dieser Tweet in meiner Timeline entgegenkam:

Gulp, hat Kutschera da wirklich die Produktion von Nachkommen als das wichtigste Lebensziel bezeichnet? Schlimmer noch: Ist dies für ihn nicht das Lebensziel aller nicht völlig geistig deformierten Menschen? Damit sagt er doch indirekt aus, dass Homosexuelle, aber auch Asexuelle und andere Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen kein Verlangen nach Nachwuchs verspüren, in Kutscheras Augen „geistig deformiert“ sind. Das ist schon ein starkes Stück, muss ich sagen.

Aber es wird noch besser. Über einen anderen Tweet bin ich über diesen Artikel gestolpert. Diese Aussage von Kutschera ist kein Einzelfall. Der Artikel zählt einige sehr nette exemplarische Zitate aus Kutscheras Buch „Das Gender-Paradoxon“. Wollen wir sie uns doch mal genauer ansehen.

„In der radikalisierten Version der Gender-Mainstreaming-Ideologie werden Männer als Vergewaltiger, Verbrecher, Frauen-Schänder usw. bezeichnet und die […] etablierte Familie (Vater, Mutter mit Kindern) abgelehnt bzw. bekämpft.“

Vater, Mutter und Kinder als etablierte Familie? Wo lebt dieser Mann eigentlich? Die 50er Jahre haben angerufen. Sie möchten gerne ihre überkommenen Rollenbilder zurück.

„Die Mehrheit der Normalfrauen (ca. 75 Prozent), die den Genderismus ablehnen, wird von einer kleinen, meist kinderlosen und lesbisch veranlagten selbsternannten Befreierinnen-Minderheit (Mann-Weiber) terrorisiert“.

Das klingt ja nach allerschönstem Antifeminismus inklusive dem Klischee der männerhassenden und kinderlosen Kampflesbenfeministin. Solche Aussagen sind alles andere als wissenschaftlich. Sie sind die reinste Polemik. Eigentlich hat sich Kutschera damit schon ins Abseits befördert, ernstnehmen kann man ihn da nicht mehr wirklich.

„Die Gender Studies sind […] eine mit dem Kreationismus geistesverwandte universitäre Pseudowissenschaft bzw. ein akademischer Wildwuchs, der sich wie ein Krebsgeschwür ausbreitet und seinem Wirtskörper Hochschule die Lebensgrundlage streitig macht.“

An dieser Formulierung merkt man, dass Kutschera Evolutionsbiologe ist. Diese Ausdrucksweise hat für mich schon ein bisschen was von Sozialdarwinismus. Im Dritten Reich war ja auch davon die Rede, dass volksfremde Elemente dem Volkskörper die Lebensgrundlage streitig machen.

Was? Der Cleaulem sagt, Kutschera sei ein Nazi!? Nö, lest mal richtig, was ich hier schreibe. Das Problem ist hierbei, dass die Nazis Begrifflichkeiten aus der Evolutionsbiologie entlehnt haben. Ich sehe hier das Problem eher darin, dass man diese Begrifflichkeiten auch da lassen sollte: In der Biologie. In anderen Bereichen wie der Soziologie sind sie auf jeden Fall fehl am Platz. Da ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zum Sozialdarwinismus, in dem dann andere Menschen als lebensunwert bezeichnet werden, weil sie im „Kampf ums Dasein“ nicht bestehen können.

„Da es immer mehr studierte Damen gibt, fehlen für Männer ohne Hochschulabschluss Frauen mit gleichem (bzw. niedrigerem) Bildungsniveau. Diese gebildeten, nicht aber studierten Männer finden demgemäß keine Partnerin mehr und sind dann auf Import-Bräute (z.B. aus Thailand) angewiesen.“

Von diesem Phänomen habe ich tatsächlich schon an anderer Stelle gehört. Das Problem dabei ist, dass Akademikerinnen meistens nicht dazu bereit sind, unterhalb ihres eigenen Niveaus auf Partnersuche zu gehen. Das heißt sie heiraten nur Männer, die entweder den gleichen Abschluss wie sie oder einen höheren haben. Männer sind eher dazu bereit, Frauen aus einer niedrigeren sozialen Stufe zu heiraten. Für mich müsste die Lösung darin bestehen, dass Frauen sich dieser Situation bewusst werden und sich nicht allein auf Männer mit einem höheren Status einschießen.

Wenn man sich dieses Zitat Kutscheras betrachtet, dann kann man daraus eigentlich nur den Schluss ziehen, dass es ein Fehler ist, Frauen den Zugang zu höherer Bildung zu gestatten, weil so den Männern ja keine willfährigen dummen Gebärmaschinen mehr zur Verfügung stehen. Das kann doch nicht das Ziel sein.

Kutschera schließt sich der Äußerung eines Kollegen an, der sagte: „Neue Studien haben gezeigt, dass Frauen und Männer sich genetisch in etwa derart unterscheiden wie Menschen und Schimpansen.“

Und mit dieser Aussage hat sich Kutschera in meinen Augen endgültig als Wissenschaftler disqualifiziert. Was soll das denn heißen? Dass Männer und Frauen verschiedene Spezies sind? Dass Männer genetisch weiter entwickelt sind als Frauen und ihnen damit überlegen? Als Evolutionsbiologe sollte ihm doch klar sein, dass man eine solche Aussage nicht ernsthaft tätigen kann. Natürlich unterscheiden sich Männer und Frauen genetisch. Und zwar beim X- und Y-Chromosom. Dafür braucht es keine neuen Studien, das weiß ich schon seit vielen Jahren.

Vor allem ärgert mich an dieser Aussage eines ganz besonders. Selbst wenn diese „Studien“ zu einem richtigen Ergebnis kommen, sind diese für die Praxis in einer Hinsicht vollkommen irrelevant: Männer und Frauen, also Menschen allgemein, können sich untereinander fortpflanzen. Menschen und Schimpansen können das nicht. Und warum? Weil sie genetisch zu weit auseinander liegen. Das weiß ich, obwohl ich kein Professor in Evolutionsbiologie bin. Und ich weiß auch, dass Männer und Frauen sich untereinander fortpflanzen können, weil sie genetisch eben doch die dafür notwendige Kompatibilität besitzen. Und dann kommt ein Professor Kutschera daher und faselt was von genetischen Unterschieden zwischen Mann und Frau!? Da kann ich echt nur mit dem Kopf schütteln.

Die „Herren der Schöpfung“ hätten „eine Reihe schwerwiegender Probleme“ zu bewältigen: „Mangels biologischer Reproduktionsfähigkeit ist eine starke Tendenz zur Selbst-Aufopferung im Beruf zu verzeichnen, wie die Biografien großer Naturwissenschaftler, Komponisten und anderer kreativer Männer eindrucksvoll belegen.“

Höre ich da etwa „Gebärmutterneid“ heraus? Was soll das denn bedeuten? Ernsthaft, ich verstehe nicht, wo der Zusammenhang zwischen der mangelnden Fähigkeit, selbst Nachwuchs zur Welt zu bringen und dem Engagement im Beruf liegen soll. Ich habe über das Thema selbst Bücher gelesen, und ein solcher Unsinn ist mir noch nie untergekommen. Es ist doch eher so, dass die Männer insofern einen evolutionären Vorteil gegenüber den Frauen haben, weil sie eben nicht dermaßen viel Energie in den Nachwuchs stecken müssen und diese Energie entweder in die Produktion von noch mehr Nachwuchs stecken können oder in eine Karriere, die ihren Nachwuchs ernähren kann.

Biologismus

Und hier kommen wir jetzt ins Minenfeld des Biologismus. Denn so sehr die Gender-Studies mit ihrem Erklärungsansatz „Alles ist Gesellschaft“ danebenliegen,  der biologistische Ansatz à la Kutschera tut dies ebenso. Und das für mich die große Enttäuschung: Kutschera zeigt sich als radikaler Biologist, für den Geisteswissenschaften nur ein Laberfach ohne Relevanz sind. Nur die „harten“ Naturwissenschaften sind für ihn etwas wert.

Es gibt so einige Biologisten, die „die Natur“ als Ausrede für alles nehmen. Z.B. für die klassische Rollenverteilung mit der Frau am heimischen Herd, die für die Kinder sorgt, während der Ehemann das Geld für die Familie heranschafft. Das lustige daran ist ja, dass diese Leute die absolute Wahrheit für sich in Anspruch nehmen, weil sie sich ja an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren. Also sind ihre Thesen unangreifbar. Ein nettes Beispiel dafür sind die Pickup-Artists, die ihren frauenverachtenden Dreck pseudowissenschaftlich untermauern, indem sie auf die menschliche Evolution verweisen. Es sind die Männer, die die Frauen verführen müssen, weil die Frauen ja viel mehr Energie in den Nachwuchs stecken müssen. Und überhaupt sind wir alle ja im Grunde nur aufs Kindermachen programmiert.

Hier kommt nun meine Sicht der Dinge: Ja, es ist wahr, dass sich viele unserer Verhaltensweisen im Laufe der Jahrmillionen durch unsere Evolution entwickelt haben. Und es stimmt auch, dass wir aus diesem Grunde auch einen gewissen Geschlechtstrieb haben. Und hier hört es auch für mich auf. Denn: Es stimmt genauso, dass es Menschen gibt, bei denen sich dieser Geschlechtstrieb nicht auf Menschen des anderen Geschlechts richtet. Und dass es Menschen gibt, bei denen dieser Trieb sehr schwach und vielleicht sogar gar nicht vorhanden ist. Macht diese Tatsache diese Menschen zu minderwertigen Individuen, weil sie nicht ihrer „Natur“ gehorchen? Sind wir Roboter oder was?

Der Mensch sieht sich ja gerne als Krone der Schöpfung. Auch und vor allem viele Biologisten. Es gibt genug Gründe, an der Berechtigung dieser Arroganz zu zweifeln. Doch eines steht fest: Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das eine komplexe Gesellschaft und eine Sprache hervorgebracht hat. Und das Wichtigste: Der Mensch ist das einzige Lebewesen, dass nicht nur das erfassen kann, was ist, sondern auch das, was nicht ist. Und dies ist tatsächlich sehr wichtig. Denn das bedeutet, dass der Mensch komplexe Gesellschaften gründen und erhalten kann.

Was ist Gesellschaft?

Ich lese im Moment „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari. Der Mann ist übrigens Historiker. Und dieses Buch kann ich allen nur wärmstens empfehlen. Ich komme beim Lesen aus dem Staunen nicht mehr heraus, und ich habe bereits sehr viele bemerkenswerte Erkenntnisse gewonnen, obwohl ich gerade erst ein knappes Viertel des Buches durch habe. Eine Erkenntnis, die ich besonders interessant fand, war die, dass unsere Gesellschaft einzig und allein auf Mythen aufbaut. Das ist jetzt natürlich stark vereinfacht, aber im Grunde beruht unsere gesamte Kultur auf Konventionen zwischen allen Individuen, die nur deshalb Bestand haben, weil wir alle an sie glauben.

Dies gilt für Gesetze, für wirtschaftliches Handeln, für Institutionen. Aber auch für moralische Regeln und Umgangsformen. Die Macht der Kultur und der Gesellschaft ist sehr stark, man sollte sie nicht unterschätzen. Und natürlich spielt die Biologie darin auch ihre Rolle. Keine Gesellschaft konnte es sich beispielsweise leisten, die Produktion von Nachwuchs zu verbieten. Einerseits ist der Sexualtrieb bei den meisten Menschen doch zu stark, um sich unterdrücken zu lassen. Andererseits wäre eine solche Gesellschaft aber auch bald wegen Mangel an Nachwuchs zugrunde gegangen.

Was ich damit sagen möchte: Unsere Gesellschaft baut auf der Kultur auf, auf den gemeinsamen Werten, auf die sich alle Individuen einigen. Wie man sehen kann, sind diese Werte auch durchaus flexibel. Heute herrschen andere Moralvorstellungen als vor hundert Jahren. Was aber nicht heißen soll, dass Verhaltensweisen, die damals als moralisch in Ordnung galten, bei manchen Menschen aber zu Leid führten (siehe u.a. rassische oder geschlechtliche Unterdrückung) tatsächlich akzeptabel waren.

Sollten sich Kultur und Gesellschaft eigentlich nicht weiterentwickeln in Richtung erhöhter Sensibilität? Das sollte das Ziel sein und nicht der Machterhalt bestimmter privilegierter Gruppen. Das ist das, was ich unter gesellschaftlichem Fortschritt verstehe. Und damit meine ich unter anderem die Emanzipation der Frauen, die der Feminismus anstrebt. Und dazu gehört auch, dass man die Gefühle und Bedürfnisse des Individuums anerkennt und respektiert, und sie nicht einem „biologisch determinierten“ Endzweck unterwirft und sie danach beurteilt.

Unsere gesamte Gesellschaft aus biologistischer Sicht zu betrachten ist falsch, denn unsere Kultur hat uns von unseren biologischen Zwängen in vielerlei Hinsicht emanzipiert und teilweise auch entfremdet. Wir sind nun mal keine Affen mehr, die durch die Wälder streifen und Hirsche jagen, in kleinen Gruppen leben und sich unentwegt fortpflanzen. Wir haben uns weiterentwickelt. Und unsere Evolution gibt uns auch nicht das Recht, uns anderen Menschen gegenüber wie Arschlöcher zu benehmen, nur weil wir das angeblich wissenschaftlich untermauern können.

Andererseits kann man aber auch nicht die Gesellschaft und die Kultur als Maß aller Dinge nehmen. Denn ihre Rahmenbedingungen hängen eben auch von unserer biologischen Herkunft zusammen. Es ist nun mal kein Zufall, dass viele die Verbindung von Mann und Frau als die einzig natürliche ansehen. Denn diese Konstellation sorgt nun mal dafür, dass Nachwuchs produziert wird und unsere Spezies weiter existieren kann. Es gibt nun mal im Grunde zwei Geschlechter. Und selbst bei Menschen, die morphologisch gesehen in keines dieser zwei Grundschemata hineinpassen, sind Merkmale eines oder beider Geschlechter vorhanden. Und da gibt es nichts grundsätzlich Neues, sondern es sind Abstufungen von den beiden Grundsets der Geschlechtlichkeit. Wir sind durch unsere Biologie teilweise determiniert. Es liegt dabei aber an uns und an unserer Gesellschaft, was wir daraus machen. Zu diesem Thema demnächst mehr.

Kutschera kritisiert die Gender-Studies zurecht als Pseudowissenschaft (soweit ich das beurteilen kann). Doch vertritt er hierbei einen radikalen Biologismus, der in meinen Augen ähnlich dogmatisch erscheint. Auch wenn er seine Schlussfolgerungen auf empirischen Fakten aufbaut, bedeutet das nicht, dass seine Schlussfolgerungen aus diesen Fakten und deren gesellschaftliche Folgen richtig sind.

« - »

Keine Kommentare»»

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag- Trackback

Schreibe einen Kommentar!

Folgende HTML-Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong> .

%d Bloggern gefällt das: